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Hongqi Schaubild von der Tradition bis zur Moderne.
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China-Marken erklärt (Teil 2): Wer oder was ist eigentlich Hongqi?

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Erinnerst du dich an BAW aus Teil 1? Den Überlebenskünstler aus Qingdao, der seit den 50ern Geländewagen baut und niemanden interessiert, bis jemand fragt: „Welches ist das älteste chinesische Auto überhaupt?“

Hongqi stellt diese Frage auf eine ganz andere Ebene. Während BAW das Arbeitstier der chinesischen Industrie ist, ist Hongqi das Staatstier. Der offizielle Dienstwagen der Volksrepublik. Die Limousine, in der Mao, Deng, Jiang, Hu und Xi Jinping bei Militärparaden ihre Runden drehen.

Und jetzt, nach fast 70 Jahren, will diese Marke plötzlich auch dich beeindrucken.


📊 Der Hongqi-Steckbrief (Stand 2026)


🚩 Die Geschichte: Von Mao bis Xi

Um Hongqi zu verstehen, musst du eine Sache verinnerlichen: Diese Marke wurde nicht gegründet, um Autos zu verkaufen. Sie wurde gegründet, um eine Aussage zu machen.

China hatte 1958 gerade den „Großen Sprung nach vorn“ ausgerufen. Mao Zedong wollte beweisen, dass die Volksrepublik es mit den Supermächten aufnehmen kann – und was symbolisiert Industriestärke besser als eine eigene Staatslimousine? Der erste Hongqi CA72 rollte vom Band in Changchun. Optisch ein üppiger Chrysler Imperial von 1955, technisch eher… bescheiden. Aber das war egal. Die Botschaft zählte.

Was folgte, ist eine der kuriosesten Markengeschichten der Automobilindustrie:

1958–1981: Hongqi baut handgefertigte Staatskarossen, die ausschließlich für Parteikader und ausländische Würdenträger reserviert sind. Der CA770 wird zum ikonischen Staatsauto, das bis heute den Roten-Fahne-Mythos prägt. Normale Bürger fahren diese Autos nicht. Sie stehen am Straßenrand und schauen zu. Wichtig: Hongqi war nicht durchgehend „die“ unangefochtene Staatsmarke – zwischenzeitlich wurde sie in der Regierungsflotte weitgehend durch Audi verdrängt. Seit dem Wiederaufstieg unter Xi Jinping ist Hongqi politisch und symbolisch bewusst zurückgeholt worden.

Hongqi CA770
Morio, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons – Hongqi CA770

1981: Produktion eingestellt. Die Marke stirbt fast. Der Grund ist banal: zu teuer, zu wenig Nachfrage außerhalb der Staatsbürokratie.

1990er Jahre: Wiederbelebungsversuch mit Modellen auf Basis des Audi 100 und später des Lincoln Town Car. Das Ergebnis? Peinlich. Kopien ohne Seele, die niemand kaufen will – nicht mal die Parteifunktionäre.

ab 2006 (späte 2000er): Ein weiterer Anlauf mit dem HQ3, basierend auf dem Toyota Crown Majesta. Im ersten Jahr verkauft: rund 500 Einheiten. Profitabel wäre das Modell erst bei ~5.000 Einheiten jährlich gewesen – eine Schwelle, die nie erreicht wurde. Hongqi ist zur Lachnummer geworden.

2018: Das große Umdenken. FAW öffnet ein Designstudio in München, holt westliches Talent und engagiert Giles Taylor – den Mann, der zuvor für Rolls-Royce Phantoms und Wraiths verantwortlich war. Gleichzeitig findet die erste „Hongqi Brand Strategy Conference“ in der Großen Halle des Volkes statt. Staatlicher Pomp, globale Ambitionen.

Was danach passiert, ist bemerkenswert: Von 33.000 Einheiten 2018 auf über 300.000 in 2021. Ein Wachstum von rund dem 10-fachen in vier Jahren.


🇨🇳 Das Rolls-Royce Chinas – oder doch nicht?

Hongqi positioniert sich selbst gerne als „chinesisches Rolls-Royce“. Das klingt anmaßend – aber schau dir die Serienausstattung der großen Limousinen an: Echtholz, echtes Leder, schwebende Mittelkonsolen, Bildschirmlandschaften über die gesamte Armaturenbrettbreite.

Das Schlüsselwort heißt „neue noble Ästhetik“. Giles Taylor hat es so beschrieben: kein protziges Design, keine Bildschirm-Orgie, sondern handgefertigte Details und das Wohlbefinden der Insassen als Priorität. Für einen Konzerndesigner, der von Rolls-Royce kommt, klingt das glaubwürdig.

Die Realität ist etwas nuancierter. Hongqi ist kein Rolls-Royce. Aber Hongqi ist auch keine billige Imitation mehr. Es ist etwas Drittes – ein Luxusauto mit starker staatlicher Symbolik, das zunehmend auch echte handwerkliche Qualität mitbringt.

Wer in China Hongqi fährt, macht eine Aussage. Die Aussage lautet: „Ich bin erfolgreich – und ich bin stolz darauf, Chinese zu sein.“ Das ist das eigentliche Produkt.


🚗 Die aktuelle Modellpalette

Hongqi hat 2023 die Modelllinien neu geordnet. Es gibt drei Säulen:

Hongqi Golden Sunflower – das Ultra-Luxus-Segment. Hier finden sich die echten Staatskarossen: die Guoya-, Guoli- und Guoyue-Modelle, also Sonderanfertigungen für Staatsereignisse und höchste Repräsentation. Preise für Modelle wie den legendären L5 lagen in China bei umgerechnet mehreren Hunderttausend Euro – Einzelstücke auf Anfrage deutlich darüber. Der H9 ist dagegen nicht in dieser Ultra-Luxus-Linie verortet, sondern gehört zur regulären Hongqi-Modellpalette: eine Luxuslimousine für wohlhabende Privatkäufer, Startpreis in China umgerechnet ab rund 40.000–50.000 Euro.

Hongqi New Energy – die Elektrolinie, angeführt vom E-HS9. Dieser war der erste große Europa-Aufschlag; inzwischen kommen für Europa auch der EH7 (Limousine) und der EHS7 (kompakteres SUV) dazu.

Hongqi Energy-Saving – Verbrenner- und Hybridmodelle für den chinesischen Massenmarkt. Diese werden Europa vorerst nicht sehen.

Der E-HS9 im Detail

Das Flaggschiff für Europa ist ein Koloss: 5,20 Meter lang, 2,01 Meter breit, 1,73 Meter hoch. Zum Vergleich: ein Range Rover ist kürzer. Der E-HS9 bietet wahlweise sechs oder sieben Sitze, Allradantrieb mit zwei E-Motoren und eine Systemleistung von 405 kW (551 PS). Die Reichweite in der Long-Range-Version mit 120 kWh Batterie beträgt bis zu 515 km nach WLTP.

Innen erwartet dich ein Cockpit mit drei 16-Zoll-Bildschirmen quer über die Breite. Echtes Holz, echtes Leder. Luftfederung. Massagefunktion. Panoramadach. Das Niveau ist tatsächlich beeindruckend – „nicht auf dem Niveau von Rolls-Royce oder Bentley, aber doch erstaunlich gut“, wie skandinavische Tester nach ersten Fahrten nüchtern feststellten.

Der Exot: Hongqi S9

Für Supercar-Fans gibt es noch den S9 – einen Hybrid-Supersportwagen mit 4,0-Liter-Biturbo-V8 und Hybridunterstützung. Systemleistung: rund 1.400 PS. Produktion: eine Kleinserie, gefertigt in Italien in Zusammenarbeit mit Silk EV – einem US-gegründeten Engineering-Unternehmen mit starkem Footprint im italienischen Motor Valley. Preis: keine öffentliche Angabe, aber die Kategorie ist klar.

Frisch entdeckt: Hongqi × Leapmotor

Ganz aktuell – Ende Februar 2026 wurde das erste Testmuster in China gesichtet: Hongqi entwickelt gemeinsam mit Leapmotor (dem Stellantis-Partner) einen Mid-Size-Crossover auf der Leapmotor B10-Plattform. Serienstart zweite Jahreshälfte 2026, laut Reuters sowohl als BEV als auch mit Range-Extender-Antrieb. Weitere technische Details – Ladetechnik, Chip, genaue Reichweiten – sind noch Industrie-Talk ohne harten Beleg. Das klingt nach dem Modell, das Hongqi in Europa erst wirklich relevant machen könnte.


🇩🇪 Hongqi in Europa: Erst Norwegen, jetzt zögernd weiter

Hier wird es für deutsche Käufer interessant – und gleichzeitig etwas ernüchternd.

Hongqi ist in Europa aktiv, aber das „Netz“ ist noch sehr dünn. Die Strategie: zuerst Norwegen (größter Pro-Kopf-Elektromarkt der Welt), dann Niederlande und Belgien über die schwedische Hedin-Gruppe als Importeur. Der E-HS9 ist in diesen Märkten kaufbar – in den Niederlanden ab rund 70.000 Euro, die Long-Range-Version um 85.000 Euro, je nach Ausstattungslinie.

Für Deutschland und die Schweiz: Stand heute eher dünn. Die Schweiz wird als Zielmarkt genannt, aber ein strukturiertes Händlernetz fehlt noch. In Deutschland tauchen auf AutoScout24 vereinzelte E-HS9-Angebote auf (u.a. aus Rheinland-Pfalz), aber das sind Einzelimporte, kein Vertrieb. Auf der IAA München 2025 war Hongqi am Königsplatz vertreten – ein Signal der Ambitionen, aber noch kein flächendeckendes Netz.

Wer jetzt in Deutschland einen E-HS9 kaufen will, kann das – aber Service und Garantie sind Abenteuersport. Für ein Auto in dieser Preisklasse ist das ein echtes Problem.


💪 Stärken und Schwächen

Stärken

Einzigartige Positionierung – keine andere Marke verbindet Staatsrepräsentation mit Massenproduktion auf diese Weise
Staatliche Rückendeckung – FAW hat praktisch unbegrenzte Ressourcen
Echter Fortschritt – das Redesign seit 2018 ist keine Fassade
Giles Taylor – ein Chefdesigner mit Rolls-Royce-DNA
Technisch stark – 515 km WLTP-Reichweite, 551 PS, Luftfederung, Serie
Verkaufszahlen – 300.000+ Einheiten 2021, rund 412.000 in 2024: kein Zufallserfolg

Schwächen

Imageproblem in Europa – „Rote Fahne“ klingt in westlichen Ohren… politisch
Kein echtes Händlernetz in Deutschland – Schweiz als Zielmarkt genannt, aber noch kein strukturierter Aufbau
Massive Zölle – EU-Strafzölle auf chinesische Elektroautos treffen auch Hongqi
Langzeitzuverlässigkeit – im europäischen Markt schlicht noch nicht bewiesen
Starker Wertverfall – gebrauchte E-HS9 mit 32.000 km für rund 49.000 Euro zeigen, wie schnell die Kurve nach unten geht
Geopolitischer Schatten – FAW ist Staatskonzern. Das schreckt manche Käufer strukturell ab


🤔 Hongqi vs. die Konkurrenz

Hongqi positioniert sich zwischen Mercedes EQS, BMW iX und Audi Q8 e-tron. Preislich liegt der E-HS9 in ähnlichen Regionen wie diese Fahrzeuge. Qualitativ? Die Lücke schließt sich, ist aber noch nicht geschlossen.

Was Hongqi hat, was keiner der deutschen Konkurrenten hat: diese spezifische staatstragende Symbolik. Das ist in Europa eher Handicap als Vorteil. In China ist es der entscheidende Kaufgrund für einen wachsenden Teil der vermögenden Oberschicht, die „patriotisch konsumieren“ will.


FAZIT

🔮 Fazit: Die Staatslimousine will erwachsen werden

BAW ist der Ur-Großvater der chinesischen Autoindustrie – nüchtern, pragmatisch, übersehen. Hongqi ist das genaue Gegenteil: theatralisch, symbolbeladen, mit einer Geschichte, die kein anderer Automobilhersteller der Welt vorweisen kann.

Die Frage ist nicht, ob Hongqi technisch mithalten kann. Das kann die Marke mittlerweile. Die Frage ist, ob europäische Käufer ein Auto kaufen wollen, das in China primär als Ausdruck staatlicher Stärke verstanden wird.

Die Antwort lautet: ein paar schon. Für die Masse wird es Händlernetz, Service-Infrastruktur und – ja – auch die Überwindung des „Rote-Fahne“-Assoziationsproblems brauchen. Beides kommt, die Frage ist nur wie schnell.

Wenn Hongqi den Leapmotor-Crossover Ende 2026 auch nach Europa bringt – mit moderatem Preis, breiterem Netz und der 800V-Technologie – könnte das der tatsächliche Startschuss werden. Nicht als China-Kuriosität. Sondern als ernst zu nehmender Player.

Bis dahin gilt: faszinierende Marke, schwieriger Kauf, beobachtenswertes Experiment.


Nächste Folge: China-Marken erklärt (Teil 3): Wer oder was ist eigentlich Geely?


Recherche basierend auf FAW-Quelldaten, ADAC-Informationen, AutoScout24-Marktdaten und Branchenberichten. Stand: Februar 2026.

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Editorial

Verantwortlich: Robert Maximiuk
Automobile News liefert den ungeschminkten Blick unter die Haube. Statt nur Hochglanz-Prospekte zu zitieren, analysieren wir die Realität: Wir graben tief in TÜV-Reports, Pannenstatistiken und tausenden Nutzererfahrungen aus Fachforen. So finden wir die Schwachstellen, die im Verkaufsprospekt nicht stehen. Ehrlich, kritisch und mit der nötigen Portion Humor – erstellt mit modernster KI-Datenanalyse und persönlich kuratiert von einem echten Auto-Enthusiasten.

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