Drücke ESC zum Schließen oder Enter zum Suchen
Technik

Digitale Software in der deutschen Autoindustrie: Stand, Herausforderungen und Zukunft

Von

November 2025 – Eine Branche im digitalen Umbruch

Die deutsche Automobilindustrie befindet sich in einem historischen Transformationsprozess. Software ist längst nicht mehr nur ein Hilfsmittel, sondern wird zur zentralen Differenzierungsmerkmal und Wertschöpfungsquelle. Ein modernes Fahrzeug enthält heute über 100 Millionen Zeilen Code – mehr als Windows und MacOS zusammen. Doch der Weg zur Software-Kompetenz erweist sich für die traditionellen Hersteller als steiniger als erwartet.

Der steinige Weg: VW und das CARIAD-Dilemma

Die Vision und ihr Scheitern

Volkswagen startete 2020 unter CEO Herbert Diess mit großen Ambitionen: Die neu gegründete Software-Tochter CARIAD sollte mit rund 6.000 Mitarbeitern ein einheitliches Betriebssystem (VW.OS) für alle Konzernmarken entwickeln. Die Vision: Ein skalierbares System für sämtliche Fahrzeuge von VW, Audi, Porsche, Škoda und weiteren Marken.

Die Realität sah anders aus. CARIAD entwickelte sich zum Nadelöhr des Konzerns. Massive Softwareprobleme verzögerten wichtige Modellanläufe um Jahre – der elektrische Porsche Macan verspätete sich um drei Jahre, ebenso verschiedene Audi-Modelle. Die Gründe waren vielfältig: Unterschiedliche Arbeitskulturen der Konzernmarken, überzogene Komplexität, fehlendes Software-Know-how und mangelnde Koordination.

Die Kehrtwende: Partnerstrategie statt Eigenentwicklung

Im Oktober 2025 vollzog VW-Chef Oliver Blume einen radikalen Strategiewechsel. Statt weiter auf vollständige Eigenentwicklung zu setzen, wird CARIAD zur Koordinierungsstelle für externe Partner umgebaut. Zwei zentrale Partnerschaften prägen nun die VW-Softwarestrategie:

Rivian-Partnerschaft (SDV West):

Xpeng-Partnerschaft (SDV East):

Die neue Drei-Säulen-Strategie

VW hat nun einen „Group Software Stack“ mit vier Schlüsselbereichen etabliert:

  1. Driver Stack (Fahrerassistenz und autonomes Fahren)
  2. Experience Stack (Infotainment und Nutzererlebnis)
  3. Cloud Stack (Cloud-Dienste und Vernetzung)
  4. Motion Stack (Antrieb und Fahrdynamik)

Diese werden kombiniert mit drei Architekturen:

CARIAD selbst bleibt bestehen, konzentriert sich aber auf Wartung bestehender Plattformen, Integration externer Technologien und Kernbereiche wie autonomes Fahren, Infotainment und Cloud-Dienste.

Mercedes-Benz: Der eigene Weg mit MB.OS

Von MBUX zu MB.OS

Mercedes-Benz verfolgt eine konsequent andere Strategie als Volkswagen. Das Unternehmen setzt auf vollständige Kontrolle über das eigene Betriebssystem. Nach dem erfolgreichen MBUX-System (Mercedes-Benz User Experience, eingeführt 2018) entwickelt Mercedes nun das umfassende Betriebssystem MB.OS.

Key Facts zu MB.OS:

Die MB.OS-Philosophie

Mercedes-Benz will „Architekt des eigenen Betriebssystems“ bleiben, wie CEO Ola Källenius betont. Die Strategie: Durch vollständige Software-Kontrolle einzigartige Kundenerlebnisse schaffen, die mit externen Systemen wie Android Auto oder CarPlay nicht möglich wären.

Technische Highlights:

Investitionen und Ziele:

Partnerschaften bei Mercedes

Trotz Eigenentwicklung setzt Mercedes auf strategische Partnerschaften:

Wichtig: Mercedes behält CarPlay und Android Auto als Option, zwingt aber Kunden nicht dazu. Das Ziel ist, durch MB.OS ein so überzeugendes Erlebnis zu schaffen, dass diese Systeme nicht mehr benötigt werden.

BMW: Die „Neue Klasse“ und das BMW Operating System X

Kooperation statt Isolation

BMW verfolgt einen mittleren Weg zwischen VW und Mercedes. „Wir haben überhaupt keine Angst vor Tech-Playern, weil wir mit allen zusammenarbeiten“, sagte CEO Oliver Zipse im Januar 2025 auf der CES. BMW setzt auf eine Kombination aus eigener Software-Entwicklung und strategischen Partnerschaften, achtet aber darauf, die Hoheit über Daten zu wahren.

Die „Neue Klasse“ – BMWs Technologiesprung

Mit dem im September 2025 auf der IAA vorgestellten BMW iX3 startet die „Neue Klasse“, die größte technologische Transformation in der BMW-Geschichte.

Technologische Kernelemente:

1. BMW Operating System X:

2. Die „Vier Superbrains“: BMW hat die Elektronikarchitektur radikal vereinfacht. Statt über 100 Steuergeräten gibt es nun vier Hochleistungsrechner:

3. BMW Dynamic Performance Control:

4. BMW Panoramic Vision:

BMWs Partnerstrategie

Die große Kooperation: Eclipse S-CORE Alliance

Ein historischer Schritt

Im Juni 2025 gaben 11 deutsche Automobilhersteller und Zulieferer eine historische Zusammenarbeit bekannt: Die Eclipse S-CORE (Software-Defined Car Open Reliable Engineering) Alliance. Beteiligt sind VW, BMW, Mercedes-Benz, Bosch, ZF, Continental und weitere Branchengrößen.

Das Konzept

Die Idee: Gemeinsame Entwicklung nicht-differenzierender Software-Basiskomponenten als Open Source. Dies betrifft etwa 40% der Entwicklungskapazität, die bisher in Software flossen, die für Kunden unsichtbar ist und keine Unterscheidungsmerkmale bietet.

Ziele der Initiative:

Zeitplan:

Warum jetzt?

Mehrere Faktoren haben diese Kooperation ermöglicht:

Die Branche hat erkannt: Bei der Basis-Software ist Kooperation sinnvoll, um Ressourcen für echte Innovationen freizusetzen.

Apple CarPlay und Android Auto: Freund oder Feind?

Die Smartphone-Integration als Standard

Apple CarPlay und Android Auto haben sich in den letzten Jahren zum Quasi-Standard entwickelt. Für viele Käufer ist die Smartphone-Integration ein Muss-Kriterium. Umfragen zeigen: Fast die Hälfte der Käufer würde kein Fahrzeug ohne CarPlay kaufen.

Was können diese Systeme?

Apple CarPlay / Android Auto bieten:

Limitierungen:

Die Apple CarPlay Ultra Vision

2022 kündigte Apple eine erweiterte CarPlay-Version an, die tiefer ins Fahrzeug integriert werden sollte:

Realität 2025:

Deutsche Hersteller und ihre Smartphone-Integration

Mercedes-Benz:

BMW:

Volkswagen:

General Motors als Vorreiter?

Der US-Konzern GM geht einen radikalen Weg: Ab 2028 werden alle neuen Modelle weder CarPlay noch Android Auto unterstützen. Stattdessen setzt GM auf ein eigenes, Google-basiertes System (Android Automotive OS, aber ohne Android Auto).

Begründung:

Kritik:

Die deutschen Hersteller scheuen bisher diesen radikalen Schritt und setzen auf Ko-Existenz.

Eigene Betriebssysteme vs. Android Automotive

Die Android Automotive Falle

Viele Hersteller (Volvo, Polestar, Renault, GM) setzen auf Android Automotive OS – nicht zu verwechseln mit Android Auto:

Deutsche Hersteller lehnen dies ab:

Die deutsche Strategie: Eigene Betriebssysteme

Alle drei großen deutschen Premiumhersteller entwickeln eigene Betriebssysteme:

HerstellerBetriebssystemStatusPhilosophie
Mercedes-BenzMB.OSTeilweise verfügbar, vollständig ab 2025 (CLA)Vollständige Eigenentwicklung, totale Kontrolle
BMWBMW Operating System XAb Ende 2025 (iX3 Neue Klasse)Eigenentwicklung mit strategischen Partnerschaften
VW/Audi/PorscheVW.OS / Rivian-Software / Xpeng-SoftwareIn Entwicklung, ab 2027Koordination externer Partner

Vorteile eigener Systeme:

Nachteile:

Künstliche Intelligenz: Der nächste Gamechanger

KI in der Software-Entwicklung

Die deutschen Hersteller setzen zunehmend auf KI zur Beschleunigung der Software-Entwicklung selbst:

Bei CARIAD (VW):

Bei BMW:

Herausforderungen:

KI im Fahrzeug

Alle drei Hersteller integrieren KI-Features in ihre neuen Systeme:

Mercedes MB.OS:

BMW Operating System X:

Volkswagen:

Autonomes Fahren: Der Software-Endgegner

Level 2+ und Level 3

Die deutschen Hersteller arbeiten intensiv an höheren Autonomiestufen:

Mercedes-Benz:

BMW:

Volkswagen:

Die China-Herausforderung

Chinesische Hersteller wie Xpeng, NIO und BYD sind bei autonomen Fahrsystemen deutlich weiter:

Deutsche Hersteller holen auf, aber die Lücke bleibt signifikant.

Kosten und Investitionen: Die Milliarden-Wette

Die enormen Investitionssummen

Die Software-Transformation verschlingt Unsummen:

Volkswagen:

Mercedes-Benz:

BMW:

Gesamt-Industrie:

ROI: Wann rechnet sich Software?

Die Hersteller versprechen signifikante Umsätze mit Software:

Neue Erlösquellen:

  1. Over-the-Air-Updates und Features on Demand:
    • Neue Funktionen nach Kauf freischaltbar
    • Abo-Modelle (umstritten, siehe BMW Sitzheizung)
    • Performance-Upgrades
  2. Digitale Services:
    • Connected Services (Navigation, Verkehrsinfo)
    • Unterhaltung (Streaming, Gaming)
    • Telematik und Flottenmanagement
    • Predictive Maintenance
  3. Datenmonetarisierung:
    • Anonymisierte Verkehrsdaten
    • Fahrzeugdaten für Versicherungen
    • Infrastruktur-Optimierung (Smart Cities)

Ziele:

Herausforderungen und Probleme

1. Fachkräftemangel

Der größte Engpass: Talentierte Software-Entwickler fehlen überall.

Probleme:

Lösungsansätze:

2. Komplexität und Sicherheit

Automotive-Software ist um Größenordnungen komplexer als Consumer-Software:

3. Legacy-Systeme

Alle Hersteller kämpfen mit historisch gewachsenen Systemen:

4. Organisatorische Hürden

Software-Entwicklung kollidiert mit klassischer Autokonzern-Kultur:

5. Wettbewerb aus China und USA

Deutsche Hersteller geraten unter Druck:

Tesla:

Chinesische Hersteller (BYD, Xpeng, NIO):

Deutsche Antwort:

Zukunftsausblick: Was kommt in den nächsten Jahren?

2025-2026: Die kritischen Jahre

Q4 2025 – Q1 2026:

2026:

2027-2028: Breiter Rollout

2029-2030: Die neue Normalität

1. Software-Umsätze überholen Margen aus Hardwareverkauf:

2. Konsolidierung:

3. KI-Revolution:

4. Neue Geschäftsmodelle:

Fazit: Transformation in vollem Gange

Die deutsche Automobilindustrie steht an einem Wendepunkt. Nach Jahren des Experimentierens und teils schmerzhaften Rückschlägen (CARIAD) zeigt sich nun ein klareres Bild:

Erfolgsstrategien kristallisieren sich heraus:

1. Eigene Betriebssysteme sind unumgänglich: Mercedes und BMW zeigen, dass vollständige Kontrolle über die Software-Architektur entscheidend ist für Differenzierung und Kundenbindung.

2. Kooperation bei Basis-Komponenten: Die S-CORE-Initiative beweist: Die Branche hat verstanden, dass nicht alles proprietär entwickelt werden muss. Gemeinsame Standards senken Kosten.

3. Partnerschaften mit Software-Experten: VWs Rivian- und Xpeng-Strategie sowie BMWs offene Partnerschaften zeigen: Niemand kann alles allein machen. Wichtig ist, dabei die Kontrolle über Schlüsselkomponenten zu behalten.

4. Massive Investitionen sind unausweichlich: Software kostet Milliarden. Wer hier spart, verliert den Anschluss. Die Investitionen werden sich mittelfristig über neue Geschäftsmodelle refinanzieren.

Die größten Herausforderungen bleiben:

Gewinner und Verlierer

Gewinner-Strategien:

Herausforderungen:

Der Ausblick: Vorsichtig optimistisch

Die deutsche Autoindustrie hat ihre Software-Hausaufgaben erkannt und geht sie nun an. Die nächsten 2-3 Jahre werden zeigen, ob die Strategien aufgehen. Positiv ist:

  1. Alle drei großen Premium-Hersteller haben konkrete Roadmaps
  2. Investitionsbereitschaft ist vorhanden
  3. Erste Erfolge sind sichtbar (BMW iX3, Mercedes CLA)
  4. Branchenkooperation funktioniert (S-CORE)

Die größte Unbekannte bleibt der globale Wettbewerb: Tesla zeigt weiter, wie Software-first funktioniert. Chinesische Hersteller dominieren ihren Heimatmarkt zunehmend. Und neue Player (Apple Car?) könnten überraschend auftauchen.

Die zentrale Frage für 2026 und darüber hinaus: Können die deutschen Hersteller ihre Hardware-Expertise mit Software-Exzellenz kombinieren und damit ihren Premiumanspruch rechtfertigen? Oder werden sie zu Assembleuren von Plattformen, die andere (Rivian, Google, Nvidia) kontrollieren?

Doch Software ist nur ein Teil der größeren Wahrheit. Denn was bei Cariad, verzögerten Plattformen und nervenden Infotainmentsystemen sichtbar wird, ist kein isoliertes Digitalproblem — es ist ein Symptom einer viel größeren Krise. Die deutsche Autoindustrie verliert nicht nur beim Code den Takt, sondern auch bei Kosten, Tempo, China-Abhängigkeit und Standortstrategie. Wie tief der Riss inzwischen geht, zeigen wir in unserer großen Analyse zum Niedergang der deutschen Autoindustrie.

Stand: November 2025

Editorial

Verantwortlich: Robert Maximiuk
Automobile News liefert den ungeschminkten Blick unter die Haube. Statt nur Hochglanz-Prospekte zu zitieren, analysieren wir die Realität: Wir graben tief in TÜV-Reports, Pannenstatistiken und tausenden Nutzererfahrungen aus Fachforen. So finden wir die Schwachstellen, die im Verkaufsprospekt nicht stehen. Ehrlich, kritisch und mit der nötigen Portion Humor – erstellt mit modernster KI-Datenanalyse und persönlich kuratiert von einem echten Auto-Enthusiasten.

Kommentare

0
Redaktion liest mit

Jetzt bist du dran

Wie siehst du das – Zustimmung, Gegenargument oder eigene Erfahrung?

Zustimmung, Widerspruch oder eigene Erfahrung: Hier darf es gern konkret werden.

Hier ist noch Platz für die erste Meinung. Mach den Anfang – der leere Kommentarbereich beißt nicht.

Kommentar schreiben

Deine Erfahrung ist oft spannender als jede Pressemitteilung. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du hast noch keinen Account? Registriere dich hier und werde Teil der Community!