Hand aufs Herz: Wenn du ein Foto von einem Auto siehst, das aussieht, als wäre es in einen Topf mit schwarzer und weißer Wandfarbe gefallen und hätte sich danach in Geschenkpapier gewälzt – was denkst du dann?
A) „Oh mein Gott, die Dachlinie lässt auf einen revolutionären cw-Wert schließen!“ B) „Ist das Kunst oder kann das weg?“ C) „Sieht aus wie ein Fiat Multipla mit Migräne-Hintergrund.“
Die Automobilpresse (und ja, wir nehmen uns da nicht aus) entscheidet sich meistens für Antwort A. Wir nennen diese Dinger Erlkönige. Und wir tun so, als wäre jedes noch so unscharfe Foto, auf dem man absolut gar nichts erkennt, der Beweis für die nächste technologische Revolution. Dabei könnte man den Kisten auch einfach einen Umzugskarton überstülpen – der Informationsgehalt wäre identisch.
Der Rorschachtest für Benzin-Köpfe
Erlkönig-Berichterstattung ist im Grunde Kaffeesatzleserei für Erwachsene, die gerne Geld für Autos ausgeben. Da fährt ein völlig zugeklebtes SUV durch den Schnee in Schweden. Man sieht: vier Räder, viel Blech und eine Folierung, die bei längerer Betrachtung epileptische Anfälle auslöst.
Aber der erfahrene Motor-Journalist sieht mehr! Er zoomt hinein. Er kneift die Augen zusammen. Und dann schreibt er Sätze wie: > „Unter der stark getarnten Frontschürze lässt sich bereits der aggressive Lufteinlass des neuen Hybrid-Antriebs erahnen.“
Nein, Karsten. Da lässt sich gar nichts erahnen. Da ist eine schwarze Plastikplane drübergeklebt, unter der sich genauso gut ein Hamster im Laufrad oder ein Sack Zement befinden könnte. Wir sehen das, was wir sehen wollen. Es ist der Rorschachtest der Autoindustrie.
Warum eigentlich dieser Psychodelic-Look?
Die Hersteller nennen das „Dazzle Camouflage“. Das Muster soll Kanten, Linien und Proportionen verwischen, damit die Konkurrenz (und wir Neugierigen) die genauen Maße nicht scannen können.
Aber sind wir mal ehrlich: Würde BMW einen neuen 3er Touring einfach komplett in Mattschwarz durch München fahren lassen, würde sich kein Mensch danach umdrehen. „Alter 3er, neuer 3er – sehen eh alle gleich aus“, würde der Passant denken und weitergehen. Aber kaum klebt diese flirrende Folie drauf, zücken alle ihre Smartphones: „Achtung, Zukunft! Hier fährt ein Geheimnis!“
Die Tarnung ist also das beste Marketing. Sie schreit: „Guck mich an, ich bin wichtig! Ich bin noch nicht fertig, aber ich bin schon geil!“
Vorschlag zur Güte: Die „Karton-Methode“
Wenn die Hersteller wirklich nicht wollen, dass wir ihre Designs sehen, habe ich einen kostengünstigen Vorschlag für die Entwicklungsabteilungen, der perfekt in unser 0€-Budget passt: Der gute alte Umzugskarton.
Stellt euch das vor. Ein Porsche 911 Erlkönig auf der Nordschleife. Aber statt Folie haben die Ingenieure einfach einen riesigen, quadratischen Pappkarton drübergestülpt. Nur zwei Löcher für die Scheinwerfer und eins für den Fahrer (Sichtfeld ist eh überbewertet).
Die Vorteile liegen auf der Hand:
- Aerodynamik: Wir testen direkt den Worst-Case. Wenn das Auto als Schrankwand 250 km/h schafft, schafft es das auch ohne Karton.
- Geheimhaltung: 100%. Niemand weiß, ob da drunter ein Ferrari oder ein Dacia Sandero steckt.
- Kosten: 3,50 € im Baumarkt statt teurer Spezialfolie.
Fazit: Wir gucken trotzdem hin
Natürlich werden wir auch in Zukunft über Erlkönige berichten. Wir werden weiterhin auf verpixelte Bilder starren und behaupten, dass die neue C-Säule „eine Hommage an die 70er“ ist, obwohl da noch ein Polster aus Schaumstoff drunter klebt.
Warum? Weil wir Autos lieben. Und weil das Rätselraten einfach mehr Spaß macht, als die Pressemitteilung zu lesen, wenn das Auto dann tatsächlich da ist (und am Ende doch wieder aussieht wie der Vorgänger, nur mit mehr LED-Leisten).
Also, liebe Hersteller: Klebt ruhig weiter eure Zebras. Wir spielen das Spiel gerne mit. Aber wundert euch nicht, wenn wir demnächst behaupten, unter der Plane einen Fluxkompensator gesehen zu haben. Man erkennt ja schließlich nix.
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