Ein Klick, 30 Euro, und die Wahrheit über den Gebrauchten liegt auf dem Tisch – so verkaufen es die Anbieter. Die Realität im DACH-Raum sieht anders aus. Wer den falschen Dienst für das falsche Auto bucht, zahlt für einen leeren Bericht. Wer den richtigen wählt, spart fünfstellige Beträge. Wir haben den Markt 2026 seziert.
Der Gebrauchtwagenmarkt ist ein Spiel mit ungleichen Karten. Der Verkäufer weiß alles: den Hagelschaden von 2022, die fiktiv abgerechnete Heckkollision, die 60.000 Kilometer, die der Tacho unterschlägt. Der Käufer sieht frisch polierten Lack und ein Serviceheft, das im Zweifel mehr Fiktion enthält als mancher Roman. Ökonomen nennen das Informationsasymmetrie. Betroffene nennen es später einen Totalverlust.
Genau hier setzen digitale Fahrzeughistorien an – Vehicle History Reports, kurz VHR. In den USA hat Carfax das Prinzip vor Jahrzehnten etabliert: Fahrgestellnummer eingeben, Bericht kaufen, komplette Vergangenheit lesen. Zehntausende Datenquellen, von Verkehrsbehörden bis Versicherern, machen das drüben möglich. Und weil das Modell so gut klingt, drängen Anbieter wie carVertical, autoDNA, Carlytics und Fahrzeugschein.de mit ähnlichen Versprechen auf den europäischen Markt.
Nur: Der DACH-Raum ist nicht Ohio. Was in den USA ein offenes Datenbuffet ist, gleicht hierzulande einem verriegelten Aktenschrank mit sieben Schlössern. Wer das nicht versteht, kauft Berichte, die nichts wert sind.
Deutschland: Die entscheidenden Daten liegen in getrennten Silos
Die deutsche Datenlage ist präzise, aber restriktiv. Die komplette Historie eines deutschen Autos verteilt sich auf wenige zentrale Datentöpfe – und keiner davon steht einfach so im Internet.
Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) liefert technische Stammdaten und die Rückrufdatenbank. Halterinformationen? Streng reguliert. Die Fahrgestellnummer selbst wird unter bestimmten Umständen zwar nicht als personenbezogenes Datum gewertet, doch für private Dritte bleibt der Zugriff limitiert. Ein aktueller Beschluss des OVG Schleswig (Az. 6 LA 206/24) bestätigt zwar, dass das KBA Fahrgestellnummern an Zulassungsstellen weitergeben darf – für den Käufer am Küchentisch ändert das nichts.
Das Hinweis- und Informationssystem (HIS) der Versicherungswirtschaft ist das eigentliche Herzstück. Hier landen wirtschaftliche Totalschäden, fiktive Abrechnungen, Diebstähle und schwere Vorschäden – seit Oktober 2025 operativ organisiert über die Besurance HIS GmbH. Der Haken: Das HIS ist ausdrücklich kein öffentliches Register. Selbstauskunft ja, Fremdabfrage für Kaufinteressenten nein. Ob und in welcher Tiefe kommerzielle Historien-Anbieter an HIS-Informationen gelangen, legen die Anbieter öffentlich nicht eindeutig offen – ein Punkt, den jeder Käufer im Hinterkopf behalten sollte.
Dazu kommen Werkstatt- und Servicedatenbanken (etwa DAT, Cardentity) und die HU-Protokolle von TÜV und DEKRA mit ihren dokumentierten Kilometerständen. Die Halterhistorie schließlich ist nach § 39 StVG geschützt: Übermittelt wird nur bei berechtigtem Rechtsanspruch im Zusammenhang mit dem Straßenverkehr – bloßes Kaufinteresse reicht nicht. Bleibt der Blick in Feld I der Zulassungsbescheinigung. Analog. Wie 1985.
Schweiz: Öffentlich fast nichts, privat lückenhaft
Wer glaubt, Deutschland sei restriktiv, hat noch nie versucht, in der Schweiz eine Fahrzeughistorie digital abzufragen. Das Bundesamt für Strassen (ASTRA) gibt grundsätzlich keine Halternamen, Adressen oder Fahrgestellnummern in offenen Formaten heraus. Die öffentlich zugänglichen Datenangebote liefern nur aggregierte, anonymisierte Sachdaten. Klartext: Bei einem Fahrzeug, das nie die Schweiz verlassen hat, ist die öffentlich zugängliche VIN-Historie stark begrenzt. Private Reports können trotzdem Treffer liefern – die Abdeckung hängt aber besonders stark davon ab, ob Werkstatt-, Händler-, Versicherungs- oder Importdaten in den jeweiligen Datenverbund gelangt sind. Verlassen sollte man sich darauf nicht.
Österreich: Bei Schäden zu, bei der Prüfhistorie überraschend offen
Bei Unfall- und Schadendaten spielt Österreich in derselben restriktiven Liga: Eine zentrale, öffentlich zugängliche Schadensdatenbank für Kaufinteressenten existiert nicht. Bei der technischen Prüfgeschichte ist die Alpenrepublik allerdings transparenter, als man vermuten würde – und transparenter als Deutschland.
Denn seit der 36. KFG-Novelle können Interessierte gemäß § 57c Abs. 10 KFG historische §57a-Gutachten („Pickerl“-Berichte) zentral und kostenpflichtig online abrufen, etwa über kfzgutachten.at. Die pseudonymisierten Gutachten enthalten alle bei der Begutachtung erhobenen Mängel und – entscheidend – die dokumentierten Kilometerstände. Benötigt werden nur das Erstzulassungsdatum plus Kennzeichen oder FIN. Für die Tachohistorie eines österreichischen Fahrzeugs ist das ein mächtiges Werkzeug, das viele Käufer gar nicht kennen. Seit Februar 2023 tragen neue Gutachten zudem einen QR-Code, mit dem sich vorgelegte Dokumente auf Echtheit prüfen lassen.
Der ÖAMTC weist mit der Kampagne „My Car My Data“ dennoch auf eine bittere Ironie hin: Moderne Autos speichern längst alles – Bewegungsprofile, Fahrgewohnheiten, Verschleißdaten. Nur kommt an diese Daten faktisch ausschließlich der Hersteller. Der Käufer bleibt außen vor.
Die Zahlen: Warum sich die Prüfung trotzdem lohnt
Bevor jemand denkt, das Thema sei akademisch – ein Blick in die aktuelle Ausgabe des carVertical-Transparenzindex (2025). Wichtig zur Einordnung: Das sind keine repräsentativen Marktquoten, sondern Auswertungen der von carVertical-Kunden tatsächlich gekauften Berichte über zwölf Monate. Wer einen Bericht kauft, hat oft schon einen Verdacht – Importe und auffällig günstige Angebote sind in dieser Stichprobe überrepräsentiert. Aussagekräftig sind die Zahlen trotzdem:
| Markt (Berichtsstichprobe) | Tachoauffälligkeiten (%) | Ø Rückstellung (km) | Registrierte Schadenshistorie (%) | Ø Schadenswert (EUR) | Als Import eingestuft (%) |
|---|---|---|---|---|---|
| Globaler Durchschnitt | 4,18 | 82.444 | 43,82 | 4.388 | 53,67 |
| Deutschland | 1,99 | 72.942 | 37,24 | 7.968 | 30,17 |
| Schweiz | 1,63 | 51.845 | 58,60 | 5.662 | 35,50 |
| Italien | k. A. | 69.798 | 12,62 | k. A. | 20,55 |
Zwei Zahlen stechen heraus. Erstens: Wenn in Deutschland manipuliert wird, dann richtig – fast 73.000 Kilometer verschwinden im Schnitt vom Tacho, und der durchschnittliche registrierte Schadenswert liegt mit knapp 8.000 Euro deutlich über dem globalen Schnitt. Zweitens: In der Schweizer Berichtsstichprobe hatten 58,6 Prozent der Fahrzeuge registrierte Schadeneinträge. Anbieteranalysen kommen zudem zu dem Ergebnis, dass Fahrzeuge mit manipuliertem Kilometerstand im Schnitt um rund ein Viertel überbezahlt werden. Bei rund 30 Prozent als Import eingestuften Fahrzeugen unter den deutschen Prüfkandidaten ist die gefälschte Historie kein Randphänomen. Sie ist Geschäftsmodell.
Die Anbieter im Vergleich 2026: Welcher Dienst passt zu welchem Auto?
Vorab eine ehrliche Einordnung: Die folgenden Stärken und Schwächen basieren auf den öffentlich einsehbaren Produktbeschreibungen, Preisstrukturen und Nutzerbewertungen der Anbieter – nicht auf einer eigenen Testreihe mit identischen Fahrgestellnummern. Was ein Dienst im Einzelfall liefert, hängt immer von der konkreten VIN ab. Alle Preise: Stand Juli 2026, Aktionsrabatte und Kampagnenpreise sind branchenüblich.
Carfax: Der US-Riese mit klarem Spezialgebiet
Carfax ist der Erfinder des Genres. Bei US- und Kanada-Re-Importen ist der Dienst die erste Adresse: Ford Mustang, Dodge Ram, re-importierte Premium-Deutsche – Carfax deckt „Salvage Titles“ auf, also Totalschäden, Flutwagen und Brandschäden, die auf Auktionen wie Copart billig ersteigert, über Osteuropa in die EU geschleust, notdürftig repariert und hierzulande mit frischer TÜV-Plakette als „unfallfrei“ angeboten werden. Wer einen US-Import ohne Carfax-Check kauft, spielt russisches Roulette mit fünf Kugeln im Magazin.
Bei rein europäischen Fahrzeugbiografien hängt der Informationsgehalt dagegen stark vom konkreten Fahrzeug und den verfügbaren nationalen Datenlieferanten ab – in deutschen Fachforen fällt das Urteil für typische Inlandsfahrzeuge regelmäßig ernüchternd aus. Immerhin: Vor dem Kauf zeigt das System an, ob überhaupt Datensätze existieren.
Kosten: 39,99 Euro pro Bericht, 3er-Paket 49,99 Euro, 5er-Paket 74,99 Euro.
carVertical: Reichweite mit Blackbox-Problem
Das litauische Unternehmen wirbt mit über einer Milliarde Datensätzen aus mehr als 1.000 Quellen. Bei innereuropäischen Importen spielt carVertical seine Stärke aus: Ein Wagen aus Italien oder Frankreich, der plötzlich in Deutschland steht? Hier deckt der Dienst regelmäßig Kilometerdiskrepanzen und im Ausland verzeichnete Unfälle auf – oft inklusive Auktionsfotos, die den früheren Zustand dokumentieren.
Das Problem heißt Blackbox-Falle: Bezahlt wird im Voraus, ohne verlässlichen Vorab-Indikator, ob für die FIN substanzielle Schadens- oder Kilometerdaten existieren. Bei rein deutschen Erstzulassungen ist die Abdeckung häufig dünn. Auf Trustpilot polarisiert der Dienst entsprechend: Jubel bei aufgedeckten Import-Betrügereien, Frust über inhaltsarme Berichte bei Inlandsfahrzeugen. Liefert ein Bericht keine historischen Daten, gibt es nach den Anbieterbedingungen keinen automatischen Bar-Refund, sondern ein Ersatzguthaben für eine andere FIN – befristet auf sechs Monate. Kritisierbar bleibt das allemal: Das Risiko der Datenlage trägt der Kunde.
Kosten: Einzelbericht typischerweise im Bereich von 25 bis 37 Euro – die Preise werden dynamisch und kampagnenabhängig ausgespielt, vor dem Kauf tagesaktuell prüfen.
Fahrzeugschein.de: Der Deutschland-Spezialist mit Vorab-Ampel
Fahrzeugschein.de macht das Gegenteil der globalen Aggregatoren: Fokus ausschließlich auf Deutschland. Nach eigener Darstellung speist sich der Historienbericht unter anderem aus KBA-Fahrzeugdaten, der Rückrufdatenbank sowie Werkstatt- und Servicedatenketten wie Cardentity, ergänzt um Markt- und Inseratsdaten; die Quellen werden nach Zuverlässigkeit gestaffelt offengelegt.
Der eigentliche Clou ist die Pre-Purchase-Transparenz: Die FIN – per OCR bequem aus Feld E des Fahrzeugscheins scanbar – liefert kostenlos KBA-Stammdaten, offene Rückrufe, Kfz-Steuer und einen Schadensdaten-Indikator im Ampelsystem. Bezahlt wird erst, wenn der Indikator anschlägt. Keine verfallenden Credits, keine leeren Berichte für teures Geld – für rein deutsche Fahrzeuge ist das strukturell das fairste Modell im Feld. Wie tief die Schadensdaten im Einzelfall reichen, hängt auch hier von der konkreten FIN ab.
Kosten: Premium-Report 24,99 Euro, Bundle mit gutachterlicher Marktwertanalyse 34,99 Euro.
Carlytics: Der Preisbrecher – mit Startup-Vorbehalt
Carlytics ist der Außenseiter im Feld: ein 2025 gegründetes estnisches Kleinst-Startup, das nach eigener Darstellung vor allem öffentlich zugängliche europäische Register (etwa Traficom, RDW, EU Safety Gate) und Inseratsdaten zu einem günstigen Bericht bündelt. Der Preis ist die Kampfansage: 8,90 Euro pro Bericht, 3er-Paket für 19,90 Euro, plus kostenlose Basis-Decodierung inklusive Rückrufcheck vor der Zahlung. Zu diesem Tarif wird erstmals etwas wirtschaftlich, das vorher Luxus war: die komplette Shortlist von drei, vier Kandidaten durchprüfen, bevor man überhaupt zur Besichtigung fährt.
Die Erwartungen sollten aber realistisch bleiben. Der Anbieter hat erst eine Handvoll Trustpilot-Bewertungen – darunter Lob für akkurate, günstige Berichte bei Deutschland-Käufen, aber auch Beschwerden über bezahlte Berichte, die kaum mehr als die Fahrzeugspezifikationen enthielten. Für nordamerikanische Fahrzeuge wirbt Carlytics inzwischen ebenfalls mit Title- und Salvage-Daten, räumt aber selbst ein, in dieser Nische nicht das tiefste Tool zu sein. Kurz: legitim für die schnelle, billige Vorauswahl – Wunder bei der Datentiefe sollte man von einem so jungen Dienst nicht erwarten. Die Gratis-Decodierung vorab kostet nichts und zeigt, ob sich der Bericht lohnt.
autoDNA: Der Osteuropa-Routinier
autoDNA greift laut eigenen Angaben auf Daten aus über 26 Ländern in Europa und Nordamerika zurück, gesammelt von mehr als 50.000 Institutionen, und kooperiert mit dem US-Anbieter AutoCheck. Die Stärken liegen traditionell im mittel- und osteuropäischen Raum – für Transaktionen zwischen Deutschland und Polen, Tschechien oder der Slowakei ein relevanter Kandidat. Anders als oft kolportiert zeigt autoDNA vor dem Kauf an, welche Datenkategorien für die FIN verfügbar sind. Die Trustpilot-Bilanz ist allerdings durchwachsen: Wiederkehrende Kritik betrifft Berichte, die weniger liefern, als die Vorschau erwarten ließ.
Kosten: Einzelbericht 24,99 Euro, 2er-Paket 39,98 Euro, 3er-Paket 49,98 Euro (16,66 Euro pro Stück).
Ergänzend die Nische: Cebia (AUTOTRACER, ca. 20 Euro) bleibt das Maß der Dinge für rein tschechisch-slowakische Fahrzeuge, Vincario bedient mit Massenabfragen den B2B-Markt.
Der Preisvergleich auf einen Blick
| Anbieter | Einzelbericht | Mehrfachpaket | Vorschau vor Zahlung | Kernstärke |
|---|---|---|---|---|
| Carlytics | 8,90 € | 3er: 19,90 € (~6,63 €/Stk.) | Ja (Basisdaten & Rückrufe) | Günstige Vorauswahl (junger Anbieter, gegr. 2025) |
| Fahrzeugschein.de | 24,99 € | – (Zusatzpaket: Historie + Marktwert 34,99 €) | Ja (Schadens-Ampel) | Deutsche Inlandsfahrzeuge |
| autoDNA | 24,99 € | 3er: 49,98 € (16,66 €/Stk.) | Ja (Datenkategorien-Übersicht) | Osteuropa (CEE) |
| carVertical | ~25–37 € (dynamisch) | 3er-Paket verfügbar | Nein (Ersatzguthaben-Modell) | EU-weite Import-Historien |
| Carfax Europe | 39,99 € | 3er: 49,99 € / 5er: 74,99 € | Verfügbarkeits-Check | US/Kanada-Re-Importe |
(Preisstand Juli 2026 laut Anbieterangaben; Aktionsrabatte und dynamische Preise möglich.)
Diese Matrix erzählt die eigentliche Geschichte des Marktes: Wo das Risiko leerer Datensätze komplett beim Kunden liegt und statt Geld nur befristete Credits zurückfließen, entsteht Frust – und genau darauf sind der kostenlose Schadensindikator von Fahrzeugschein.de, die Datenvorschau von autoDNA und die Kampfpreise von Carlytics die direkte Marktantwort.
Das Aggregations-Paradoxon: Warum eine Milliarde Datensätze nichts wert sein können
„Über 1.000 Datenquellen!“ – klingt beeindruckend, ist aber für einen durchschnittlichen DACH-Gebrauchten weitgehend irrelevant. Für einen in München ausgelieferten und nie exportierten BMW zählen im Kern die deutschen Datentöpfe: KBA, Versicherungsdaten, Werkstattketten, HU-Protokolle. Ein globaler Aggregator ohne Zugang zu diesen Quellen liefert für dieses Auto trotz Milliarden-Datenbank weniger als ein lokaler Spezialist. Entscheidend ist nicht die globale Datenmenge, sondern die lokale Datentiefe. Wer das ignoriert, zahlt für heiße Luft.
Und die Gratis-Route? Funktioniert nur begrenzt. Die KBA-Rückrufdatenbank kennt keine Unfälle. HU-Berichte liefern Momentaufnahmen des Kilometerstands, keine Chronologie. Das Serviceheft ist manipulationsanfälliger als eine Excel-Tabelle. Der eigentliche Mehrwert bezahlter Reports liegt in der Zusammenführung verstreuter Datenpunkte zu einer möglichst aussagekräftigen Zeitleiste: Ein Kilometerstand, der zwischen zwei dokumentierten Terminen sinkt, entlarvt den Betrug objektiv. Aber Vorsicht vor der Umkehrung: Lücken bleiben immer möglich. Ein nie gemeldeter Schaden taucht auch in der besten Datenbank nicht plötzlich aus dem Nichts auf – ein leerer Bericht ist kein Unbedenklichkeitszertifikat.
Ohne physische Prüfung geht es trotzdem nicht
Ein VIN-Check blickt ausschließlich in die Vergangenheit. Verschlissene Bremsen, beginnender Rost, ein sterbender Turbolader, der privat reparierte Parkplatzrempler unterhalb der Versicherungsmeldeschwelle – all das steht in keinem Register der Welt. Deshalb gilt im DACH-Raum zwingend die Doppelstrategie: digitaler Report plus physische Begutachtung.
Deutschland: Der TÜV Rheinland bietet seinen Proficheck mit 30 Prüfpunkten ab 29,90 Euro an. DEKRA arbeitet modular mit einzeln buchbaren Prüfpaketen für Technik, Karosserie und Fahrzeugsysteme bis hin zum Komplett-Siegel; die Preise variieren je nach Modul und Standort. ADAC-Prüfangebote unterscheiden sich regional stark – am Prüfzentrum München etwa reicht die Spanne von rund 129 Euro für den Basis-Check bis 299 Euro für die Premiumprüfung inklusive Ölanalyse und Leistungsmessung. Für Fahrzeuge zwischen 15.000 und 30.000 Euro ist die Kombination aus digitalem Report und technischer Durchsicht bei einer Prüforganisation das beste Preis-Risiko-Verhältnis.
Schweiz: Der TCS Occasions-Test ist bei Inlandsfahrzeugen die zentrale Instanz – 90 Minuten Vollprüfung mit Bremsprüfstand, Stoßdämpfertest, Radstellungstester und Abgasmessung. Die Preise legen die Sektionen fest: Mitglieder zahlen je nach Kanton grob 130 bis 220 CHF, Nicht-Mitglieder deutlich mehr (Beispiel Sektion Biel 2026: 160 bzw. 270 CHF). Die Eurotax-Bewertung für rund 20 CHF obendrauf validiert den Preis.
Österreich: Die ÖAMTC Kauf-Überprüfung deckt Vorschäden, Verschleiß und wertmindernde Faktoren auf; der Preis richtet sich nach Fahrzeug und Prüfstation, als Richtwert gelten rund 95 Euro. Dazu kommt gegebenenfalls das fällige Pickerl (laut AK Wien 2026 im Schnitt rund 94 Euro, Club-Mitglieder zahlen weniger). Der Autopreisspiegel liefert ÖAMTC-Mitgliedern fünfmal jährlich kostenlos eine Wertermittlung – und die zentrale §57a-Datenbank (siehe oben) die Kilometerhistorie gleich dazu.
Import-Falle: Die versteckten Nebenkosten
Wer grenzüberschreitend kauft, muss über den Kaufpreis hinaus rechnen: Kurzzeitkennzeichen rund 50–80 Euro, Ausfuhrkennzeichen 100–150 Euro, alternativ Transport für 350–700 Euro. Fehlt das COC-Zertifikat, werden beim Hersteller 50 bis 300 Euro fällig. Österreich verlangt die Eintragung über den Generalimporteur in die Genehmigungsdatenbank (gedeckelt bei 180 Euro) plus NoVA nach CO2-Ausstoß und Fahrzeugwert. Dazu kommen in jedem Land Zulassung, Kennzeichen und Versicherungsdeckung – die konkrete Höhe hängt vom Vorgang und der Behörde ab. Das vermeintliche Auslandsschnäppchen kann sich schnell neutralisieren. Genau bei diesen Fällen leisten grenzüberschreitend aufgestellte Dienste wie carVertical ihren größten Dienst: Sie machen die Import-Historie vor der Einfuhr sichtbar. Ein günstiger Carlytics-Bericht kann als erster Filter davor dienen.
Fazit: Es gibt keinen besten VIN-Check – es gibt nur den richtigen für dieses eine Auto
Die Rechnung ist brutal einfach: 9 bis 40 Euro für einen Bericht gegen 10 bis 30 Prozent Wertverlust plus tausende Euro Reparaturkosten bei einem unentdeckten Unfallwagen. Die Frage ist nicht, ob sich digitale Fahrzeughistorien lohnen. Die Frage ist, welche – und die Antwort steht nicht im Marketing des Anbieters, sondern in der Biografie des konkreten Autos.
Unsere Empfehlung für 2026: Erst kostenlos filtern – mit der Schadens-Ampel von Fahrzeugschein.de, der Datenvorschau von autoDNA oder der Gratis-Decodierung von Carlytics. Dann den Dienst wählen, der zur Herkunft des Fahrzeugs passt: Fahrzeugschein.de für rein deutsche Historien, carVertical für EU-Importe, autoDNA für Osteuropa-Fälle, Carfax für US-Salvage-Kandidaten – und Carlytics als günstigen Vorfilter, wenn mehrere Kandidaten auf der Liste stehen. Bei österreichischen Fahrzeugen gehört der Abruf der zentralen §57a-Gutachten mit ihren dokumentierten Kilometerständen zur Pflicht. Wer für einen Münchner Garagen-BMW einen globalen Aggregator bezahlt, verbrennt wahrscheinlich Geld. Wer einen Mustang-Import ohne Carfax kauft, verbrennt möglicherweise sehr viel mehr.
Und in jedem Fall gilt: Der digitale Report ersetzt niemals die Hebebühne. TCS in der Schweiz, ÖAMTC in Österreich, DEKRA oder TÜV in Deutschland – erst die Kombination aus digitaler Vergangenheitsprüfung und physischer Gegenwartsdiagnose knackt die Informationsasymmetrie wirklich. Alles andere ist Hoffnung. Und Hoffnung war noch nie eine Kaufstrategie.
Zwischen 8,90 Euro (Carlytics) und 39,99 Euro (Carfax) pro Bericht, Stand 2026. Mehrfachpakete senken den Stückpreis. Entscheidend ist nicht der Preis, sondern ob der Anbieter zur Herkunft des Fahrzeugs passt.
Teilweise. Die KBA-Rückrufdatenbank, die Schadens-Ampel von Fahrzeugschein.de, die Datenvorschau von autoDNA und die Basis-Decodierung von Carlytics sind gratis. Eine vollständige Chronologie mit Kilometerständen und Schäden gibt es nur kostenpflichtig.
Bei rein deutschen Fahrzeugbiografien ist der Informationsgehalt meist gering. Die klare Stärke von Carfax liegt bei US- und Kanada-Re-Importen, wo der Dienst Salvage Titles (Totalschäden, Flutwagen) aufdeckt.
Über die Chronologie dokumentierter Kilometerstände: HU-Protokolle, Werkstattdaten und bei österreichischen Fahrzeugen die zentral abrufbaren §57a-Gutachten. Ein sinkender Kilometerstand zwischen zwei Terminen ist der objektive Beweis.
Nein. Der Report blickt nur in die Vergangenheit; aktuellen Verschleiß, Rost oder nicht gemeldete Schäden findet nur die physische Prüfung bei TÜV, DEKRA, ÖAMTC oder TCS.
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