Drücke ESC zum Schließen oder Enter zum Suchen
Gelber Ferrari Luce im dunklen Studio mit schwarzem Dach und auffälligen aerodynamischen Rädern.
News

Ferrari Luce: Wenn ein iPhone plötzlich Auto fahren will

Robert Maximiuk 26. Mai 2026 💬 Kommentieren

Ferrari dachte sich vermutlich nichts Böses. Das muss man vorweg sagen. Irgendwo in Maranello saßen wahrscheinlich sehr ernsthafte Menschen in sehr gut geschnittenen Hemden und sagten: Unser erstes Elektroauto darf nicht aussehen wie ein Ferrari mit Steckdose. Es braucht etwas Neues. Etwas Mutiges. Etwas, das nach Zukunft riecht und nicht nach Super Plus.

Hellblauer Ferrari Luce in Dreiviertelansicht vor moderner Architektur mit schwarzem Dach und schmaler Lichtsignatur.
Vor Beton und Glas sieht der Luce aus, als hätte ihn ein Architekt bestellt, bevor er wusste, dass er Kinder hat. © Ferrari

Also gab man den Designauftrag nicht einfach nur an irgendein Studio, sondern an LoveFrom. Das kreative Kollektiv von Jony Ive, jenem Mann, der bei Apple 23 Jahre lang dafür sorgte, dass Technik aussah, als hätte sie vor der Auslieferung noch dreimal meditiert. iMac, iPod, iPhone, iPad – alles Dinge, die aussahen, als wären Schrauben eine persönliche Beleidigung.

Und jetzt also Ferrari Luce. Der erste elektrische Ferrari. Ein Auto, das beweisen soll, dass auch ohne V12, ohne kreischende Ansaugung und ohne den zarten Duft verbrannter Dinosaurier noch echte Ferrari-Magie möglich ist. Nur sieht diese Magie auf den ersten Blick weniger nach Fiorano aus und mehr nach: „Dieses Fahrzeug synchronisiert sich gerade mit deiner iCloud.“

Wichtige Fakten

Was bedeutet „Luce“? „Luce“ heißt auf Italienisch „Licht“ und wird ungefähr „Lu-tsche“ ausgesprochen. Der Name passt natürlich perfekt zu einem Elektro-Ferrari: Licht, Energie, Zukunft, große Bühne. Oder anders gesagt: Wenn Ferrari schon den Verbrenner-Sound dimmt, muss wenigstens der Name hell genug strahlen.

Willkommen im Zeitalter des fahrenden Aluminium-Unibody

Man kann sich ungefähr vorstellen, wie das Designbriefing gelaufen sein muss. Ferrari: „Wir brauchen Emotion.“ LoveFrom: „Wir haben da eine Idee: Was, wenn Emotion keine Kante hat?“ Ferrari: „Aber wir sind Ferrari.“ LoveFrom: „Genau. Deshalb reduzieren wir alles auf die Essenz.“ Und irgendwo im Hintergrund nickt ein langsam animierter Bär auf der LoveFrom-Homepage bedächtig, während er über die Logo-Schrift krabbelt.

Umfrage

Ferrari Luce: Zukunftsschock oder Designunfall?

4 haben abgestimmt

P1
Zukunftsschock – aber im guten Sinne
P2
Endlich mal kein Retro-Gähner
P3
Spannend, aber Liebe ist es noch nicht
P4
Zu glatt, zu kühl, zu wenig Ferrari
P5
Ein iPhone auf Rädern mit Pferdchen
P6
Ohne V12 bleibt mein Herz im Standby
P7
Mutig ja, schön eher Verhandlungssache
P8
Maranello, wir müssen reden

Dieser Bär ist wichtig. Nicht technisch natürlich. Aber atmosphärisch. LoveFrom nennt sich ein kreatives Kollektiv, und auf der Website bewegt sich Montgomery, der kleine Bär, mit der Geschwindigkeit einer Denkpause über die Buchstaben. Niedlich? Absolut. Sympathisch? Auch. Ferrari? Nun ja. Wenn Enzo Ferrari diesen Bären gesehen hätte, hätte er vermutlich gefragt, ob er wenigstens einen Colombo-V12 trägt.

Und genau diese Mischung sieht man dem Luce an. Er wirkt nicht wie ein Auto, das aus Benzin, Lärm und italienischem Trotz geboren wurde. Er wirkt wie ein Objekt, das in einem kalifornischen Besprechungsraum so lange von allen unnötigen Linien befreit wurde, bis selbst die Leidenschaft kurz um Erlaubnis bitten musste, wieder hineinzukommen.

Seitenansicht des hellblauen Ferrari Luce mit schwarzem Dach, großen Rädern und coupéhafter Karosserieform.
Coupé, Limousine, Designobjekt? Der Luce antwortet einfach nicht und fährt vermutlich lautlos davon. © Ferrari

Könnte ein iPhone fahren, sähe es vermutlich so aus

Der Ferrari Luce ist kein hässliches Auto. Das wäre zu einfach. Hässlich ist der SsangYong Rodius. Der Luce ist etwas viel Gefährlicheres: Er ist glatt. Sehr glatt. So glatt, dass man Angst hat, er könnte einem aus der Hand rutschen, wenn man ihn ohne Silikonhülle bestellt.

Er hat diese typische Jony-Ive-Ausstrahlung: teuer, ruhig, präzise, ein bisschen entrückt. Man wartet fast darauf, dass beim Öffnen der Tür ein freundlicher Ton erklingt und eine Stimme sagt: „Willkommen bei Ferrari. Bitte richte Face ID ein, bevor du den Race-Modus verwenden kannst.“

Früher sah ein Ferrari aus, als würde er schon im Stand drei Verkehrsregeln anzweifeln. Der Luce sieht aus, als würde er vor dem Losfahren noch die Datenschutzbestimmungen aktualisieren. Früher waren Ferrari-Karosserien gespannte Muskeln unter rotem Lack. Jetzt ist da eher ein luxuriöser Kieselstein mit vier Motoren. Ein sehr schneller Kieselstein, gewiss. Aber eben einer, der beim Concours d’Elegance vermutlich neben einem MacBook Air parken möchte.

Heckansicht des hellblauen Ferrari Luce mit schwarzen Heckelementen, runden roten Rückleuchten und Luce-Schriftzug.
Vier rote Kreise am Heck – Ferrari weiß genau, wann ein bisschen Tradition die beste Rettungsleine ist. © Ferrari

Ferrari wollte Zukunft – und bekam Cupertino mit Cavallino

Natürlich ist das alles Absicht. Ferrari musste sein erstes Elektroauto anders denken. Ein Elektromotor hat keine Ventile, keine Zylinderbank, kein mechanisches Drama. Er dreht los wie ein beleidigter Akkuschrauber auf Koks und erledigt Beschleunigung mit der emotionslosen Effizienz eines Steuerbescheids. Also muss das Design die Geschichte erzählen, die der Antrieb nicht mehr schreit.

Genau hier wird es spannend. Denn Ferrari hätte versuchen können, den alten Mythos künstlich zu verlängern: Lufteinlässe ohne Luft, Auspuffzitate ohne Auspuff, akustisches Theater aus der Soundbar. Stattdessen scheint der Luce zu sagen: Nein, ich bin nicht der neue 812. Ich bin etwas anderes. Ich bin der Ferrari für Menschen, die ihr Garagentor per App öffnen, ihren Kaffee nach Säureprofil auswählen und beim Wort „Verbrenner“ an alte Welt denken.

Das kann man mutig finden. Oder steril. Wahrscheinlich ist es beides. Der Luce ist kein Ferrari für Poster über dem Kinderbett. Er ist ein Ferrari für Menschen, die schon als Kind keine Poster hatten, sondern moodboards.

Helles Cockpit des Ferrari Luce mit beigem Leder, rundem Lenkrad, digitalen Anzeigen und zentralem Bildschirm.
Beige Leder, digitale Anzeigen, Ferrari-Lenkrad – hier trifft Dolce Vita auf Software-Update. © Ferrari

Das Problem ist nicht Elektro. Das Problem ist Seelenpolitur.

Man muss fair bleiben: Ein elektrischer Ferrari ist nicht automatisch Verrat. Ferrari war nie nur Motor. Ferrari war immer auch Geschwindigkeit, Technik, Status, Risiko, Schönheit und ein gewisser Mangel an Zurückhaltung. Wenn jemand ein Elektroauto emotional machen kann, dann theoretisch Ferrari.

Aber genau deshalb wirkt der Luce so irritierend. Nicht, weil er elektrisch ist. Sondern weil er aussieht, als habe jemand die Unvernunft herausdesignt. Ferrari ohne Unvernunft ist wie Espresso ohne Koffein: formal erkennbar, aber innerlich verdächtig.

LoveFrom hat Ferrari offenbar nicht hässlich gemacht. Das wäre fast beruhigend gewesen. LoveFrom hat Ferrari höflich gemacht. Glatt. Kuratiert. Museal. Ein Objekt, bei dem man nicht weiß, ob man es fahren oder mit weißen Handschuhen auspacken soll.

Vielleicht ist genau das der Punkt

Vielleicht ist der Ferrari Luce gar nicht für uns gedacht. Nicht für die Leute, die bei Ferrari zuerst an F40, Daytona, 288 GTO oder kreischende Zwölfzylinder denken. Vielleicht ist er für jene neue Luxuswelt gebaut, in der ein Auto nicht mehr laut sein muss, um teuer zu wirken. In der Understatement 550.000 Euro kosten darf. In der Design nicht mehr „schau mich an“ ruft, sondern leise flüstert: „Du verstehst mich vermutlich nicht, und das ist Teil des Preises.“

Der Luce ist damit vielleicht der ehrlichste Elektro-Ferrari, den Ferrari bauen konnte. Kein Verbrenner-Cosplay, kein künstliches Röhren, kein Nostalgie-Karneval. Sondern ein radikaler Bruch. Nur sieht dieser Bruch eben aus, als hätte jemand einen Ferrari so lange durch den Apple-Store gezogen, bis er keine sichtbaren Schrauben, keine schlechten Gedanken und keine Angst vor weißen Innenräumen mehr hatte.

Detailaufnahme des roten Ferrari Luce mit Vorderrad, gelbem Bremssattel, Ferrari-Emblem und seitlichem Lufteinlass.
Fünf Speichen, gelbe Bremse, roter Lack – ganz kurz blitzt hier noch der alte Ferrari-Puls durch. © Ferrari

Technische Daten: Ferrari Luce

Ferrari Luce Elektro
1050 PS 2,5 s 530 km 2026 – heute
Daten

Motor & Leistung

Leistung 1050 PS (772 kW) 4 E-Motoren je einer pro Rad | VA 210 kW/280 Nm/3400 Nm Rad | HA 620 kW/710 Nm/7750 Nm Rad | System-Raddrehmoment 11500 Nm | Batterie 122 kWh brutto, 800 V
Drehmoment990 Nm
GetriebeDirektantrieb
AntriebAllradantrieb

Fahrleistungen

0–100 km/h2,5 s
Vmax310 km/h
CO₂0 g/km
AbgasnormEmissionsfrei

⚡ Elektro & Batterie

Batterie122,0 kWh
Reichweite530 km WLTP
Laden DC350 kW

Praktisches

Kofferraum597 l
Reifengröße265/35R23 | 315/30R24
Sitzplätze5
Leergewicht2.260 kg

Abmessungen

L × B × H5.026 × 1.999 × 1.544 mm
Radstand2.961 mm

Fazit: Ein Ferrari mit Ladebuchse und Bachelor in Produktdesign

FAZIT
© Ferrari
© Ferrari
Der Ferrari Luce ist faszinierend, weil er genau das tut, was ein erstes Elektroauto von Ferrari tun musste: Er provoziert. Nur nicht mit Lautstärke, Flammen oder wahnsinnigen Proportionen. Sondern mit Abwesenheit. Abwesenheit von klassischer Ferrari-Wildheit. Abwesenheit von mechanischem Theater. Abwesenheit von optischer Wut.

Vielleicht ist das genial. Vielleicht ist es ein 550.000-Euro-iPhone auf Rädern. Vielleicht beides. Sicher ist nur: Wenn ein iPhone fahren könnte, würde es vermutlich nicht hupen. Es würde vibrieren. Sanft. Haptisch. In Rosso Corsa gegen Aufpreis.

Und irgendwo auf der LoveFrom-Website krabbelt Montgomery der Bär weiter über das Logo. Langsam, freundlich, vollkommen unbeeindruckt davon, dass Ferrari gerade versucht, seine Seele neu zu sortieren. Vielleicht weiß der Bär mehr als wir. Vielleicht ist er der eigentliche Designer. Vielleicht hat er nur auf der Tastatur geschlafen.

Hat Mercedes-Benz den Sprung ins E-Zeitalter mit dem AMG GT 4-Türer Coupe besser hinbekommen?

Galerie Ferrari Luce

Editorial

Verantwortlich: Robert Maximiuk
Automobile News liefert den ungeschminkten Blick unter die Haube. Statt nur Hochglanz-Prospekte zu zitieren, analysieren wir die Realität: Wir graben tief in TÜV-Reports, Pannenstatistiken und tausenden Nutzererfahrungen aus Fachforen. So finden wir die Schwachstellen, die im Verkaufsprospekt nicht stehen. Ehrlich, kritisch und mit der nötigen Portion Humor – erstellt mit modernster KI-Datenanalyse und persönlich kuratiert von einem echten Auto-Enthusiasten.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du hast noch keinen Account? Registriere dich hier und werde Teil der Community!