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Wirtschaft & Industrie

Ford Cologne Electric Vehicle Center: Von der Milliarden-Ankündigung zur schwierigen Realität

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Im Februar 2021 berichteten wir über „Ford investiert eine Milliarde US-Dollar und gründet europäisches Electrification Center in Köln.“ Vier Jahre später ziehen wir Bilanz.

Köln, November 2025 – Vor fast fünf Jahren kündigte Ford die größte Investition in der Geschichte seines Kölner Werks an. Aus dem traditionsreichen Verbrenner-Standort sollte ein hochmodernes Elektrifizierungszentrum werden. Heute produziert das Werk tatsächlich zwei Elektromodelle – doch statt Erfolgsmeldungen dominieren Kurzarbeit und Produktionskürzungen die Schlagzeilen. Ein Rückblick auf eine Transformation mit Höhen und Tiefen.

Die große Vision: Februar 2021

Am 17. Februar 2021 verkündete Ford eine historische Entscheidung: Eine Milliarde US-Dollar sollten in die Modernisierung des Kölner Werks fließen – die größte Einzelinvestition, die Ford jemals an diesem Standort tätigte. Das Ziel war ambitioniert: die Transformation zum „Ford Cologne Electrification Center“.

„Ab 2023 wird im Ford-Werk in Köln-Niehl das erste batterie-elektrische Volumenmodell von Ford in Europa vom Band rollen“, versprach der Automobilhersteller. Bereits damals wurde die Möglichkeit eines zweiten Elektrofahrzeugs geprüft. An der Pressekonferenz nahmen neben Stuart Rowley (Präsident Ford Europa), Gunnar Herrmann (Vorsitzender der Geschäftsführung) und Martin Hennig (Vorsitzender des Ford Gesamtbetriebsrats) auch der damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet teil – ein Zeichen für die politische Bedeutung des Projekts.

© The Ford Motor Company

Verdopplung der Pläne: 2022

Die ursprüngliche Planung erwies sich schnell als zu knapp bemessen. Im März 2022 kündigte Ford an, nicht nur ein, sondern gleich zwei Elektromodelle in Köln zu produzieren – beide auf Basis des Modularen Elektroantriebs-Baukastens (MEB) von Volkswagen. Die Investitionssumme verdoppelte sich auf zwei Milliarden US-Dollar.

Bei den beiden Modellen handelte es sich um Crossover-Fahrzeuge mittlerer Größe: den Ford Explorer und ein sportlicheres Crossover-Modell. Die Kooperation mit Volkswagen war strategisch: Im Austausch dafür, dass Ford für VW den neuen Transporter baut, durfte sich Ford am Elektro-Baukasten der Wolfsburger bedienen.

Komplexer Umbau im laufenden Betrieb

Die Transformation des Werks gestaltete sich hochkomplex. Eine der größten Herausforderungen: Zunächst sollten der Ford Fiesta und die neuen Elektromodelle parallel produziert werden. Im Juli 2022, während der Betriebsferien, liefen die Umbauarbeiten auf Hochtouren.

Eine der beiden Endmontagelinien für den Fiesta wurde komplett abgebaut und durch eine Linie für die deutlich größeren und schwereren Elektrofahrzeuge ersetzt. Besonders aufwendig gestaltete sich die Umrüstung der sogenannten „Hochzeit“ – jener Produktionsschritt, bei dem Antriebsstrang und Karosse zusammengefügt werden. Während beim Fiesta vier Roboter sechs Schrauben anzogen, mussten für die Elektromodelle bis zu 53 Schrauben befestigt werden.

Auch die Getriebefertigung wurde eingestellt, die alte Motorenproduktion sogar komplett abgerissen. Das Werk konzentrierte sich vollständig auf die Elektromobilität. Zwei neue Produktionshallen wurden aufgebaut, vorhandene Anlagen umgebaut. In der Lackiererei kamen neue Verfahren zum Einsatz, um Lack und Energie einzusparen.

Das Ende einer Ära: Letzter Fiesta im Juli 2023

Im Juli 2023 – ein Jahr später als ursprünglich geplant – lief der letzte Ford Fiesta in Köln vom Band. Das Ende einer Ära: Der Kleinwagen wurde seit 1976 produziert und war über Jahrzehnte ein Verkaufsschlager. Das letzte Exemplar verließ die Halle nicht – es steht bis heute mit den Unterschriften aller Mitarbeiter als Ausstellungsstück am Rande der Montagelinien.

Eigentlich hätte die Produktion des elektrischen Explorer noch im Herbst oder Winter 2023 beginnen sollen. Doch es kam anders: Ford verschob den Produktionsstart auf Sommer 2024.

Die Verzögerung: Neue Batteriegeneration

Die Verschiebung hing mit der Batterietechnologie zusammen. Ford entschied sich, auf eine neue Batteriegeneration von Volkswagen zu warten, da die bis dahin verwendete Batterie nicht so schnell geladen werden konnte wie Konkurrenzmodelle koreanischer Hersteller. Hinzu kam, dass die VW-Modelle auf MEB-Basis – ID.3, ID.4 und ID.5 – zu diesem Zeitpunkt keinen großen Markterfolg verzeichneten.

Die Folge: Von Sommer 2023 bis Juni 2024 verließ kein Serienfahrzeug mehr das Kölner Werk. Die Zeit wurde für weitere Umbauten, Instandhaltungsarbeiten und intensive Mitarbeiterschulungen genutzt. In begrenzter Stückzahl entstanden lediglich Vorserienmodelle für Messen und Autohändler.

Der Neustart: Explorer-Produktion ab Juni 2024

Am 4. Juni 2024 war es dann endlich soweit: Ford nahm im nun „Cologne Electric Vehicle Center“ genannten Werk die Serienproduktion des vollelektrischen Ford Explorer auf. Zur Eröffnung reisten sogar William Clay Ford Jr., Vorsitzender des Verwaltungsrats, und Bundeskanzler Olaf Scholz nach Köln – ein Zeichen für die strategische Bedeutung des Projekts.

Der Explorer ist das erste vollelektrische Großserien-Pkw-Modell, das Ford in Europa für Europa entwickelt hat. Mit seiner modernen Lithium-Ionen-Batterie ermöglicht er Reichweiten von über 600 Kilometern. Das Design verbindet deutsche Ingenieurskunst mit amerikanischen Designelementen – breiter und präsenter als die VW-Schwestermodelle.

© The Ford Motor Company

Modernste Produktion

Das umgebaute Werk setzt auf höchste Automatisierung und Qualitätskontrolle. Im Rohbau fügen über 250 Roboter die Blechteile in einem hochautomatisierten Prozess zusammen – durch Schweißen, Kleben und Löten. Ein eigenes Messzentrum kontrolliert die Präzision bis auf einen Tausendstel Millimeter.

Besonders innovativ: Während des Klebstoffauftrags überwachen mehrere Laser in Echtzeit Dicke und Lage des Materials. Gibt es eine Abweichung, wird das Teil sofort aussortiert und nachbearbeitet. Diese umfassende Qualitätskontrolle soll ein „nie dagewesenes Qualitätsniveau“ sicherstellen.

In der Endmontage arbeiten inzwischen über 1.000 Mitarbeiter – mehr als zuvor bei der Fiesta-Produktion (780). Der Grund: Elektroautos sind in der Montage komplexer. Zusätzlich zum Antrieb müssen separate Klimakompressoren, Wärmepumpen und aufwendigere Kühlsysteme montiert werden.

© The Ford Motor Company

Capri-Produktion: September 2024 – still und leise

Anders als beim großen Medienspektakel zur Eröffnung der Explorer-Produktion verlief der Serienstart des zweiten Elektromodells eher unspektakulär. Am 23. September 2024 rollte der erste Ford Capri vom Band – ohne große Pressekonferenz oder offizielle Feierlichkeiten. Ford Deutschland veröffentlichte nicht einmal eine eigene Pressemitteilung zum Produktionsstart.

Diese zurückhaltende Kommunikation verwunderte Beobachter, zumal der Capri als zweites Elektromodell für den Erfolg des umgebauten Kölner Werks entscheidend ist. Die gedämpfte Stimmung sollte sich als Vorbote kommender Schwierigkeiten erweisen.

Die elektrische Neuauflage eines Klassikers

Der neue Ford Capri ist ein 4,63 Meter langes, vollelektrisches SUV-Coupé – eine radikale Neuinterpretation des legendären Sportwagens aus den 1970er und 1980er Jahren. Wie schon der Explorer basiert auch der Capri auf der MEB-Plattform von Volkswagen.

Drei Antriebsvarianten stehen zur Auswahl: Zwei mit Heckantrieb (170 PS mit 52-kWh-Batterie und 286 PS mit 77-kWh-Batterie) sowie eine Allradversion mit 286 PS und 79-kWh-Akku. Die Premium-Variante mit Extended-Range-Batterie bietet eine Reichweite von bis zu 627 Kilometern nach WLTP.

Design-Details wie die markante Vivid-Yellow-Lackierung in Anlehnung an das klassische Daytona-Gelb, die flache Dachlinie und die runde C-förmige hintere Seitenscheibe sollen eine Brücke zum Original schlagen. Die Preise starten bei knapp 52.000 Euro für die Heckantriebsversion.

Die ersten Auslieferungen an Händler und Kunden begannen im Oktober 2024.

Die Ernüchterung: November 2024

Nur zwei Monate nach Produktionsstart des Capri folgte die Ernüchterung. Im November 2024 kündigte Ford Produktionskürzungen für Explorer und Capri an. Ein Sprecher nannte „sich rapide verschlechternde Marktbedingungen für Elektrofahrzeuge“ als Grund.

Die Konsequenzen für die Belegschaft waren hart: Bis zu den Weihnachtsferien 2024 mussten Mitarbeiter abwechselnd eine Woche arbeiten und eine Woche Urlaub nehmen – faktisch Kurzarbeit. Ein schwerer Schlag für den Standort, in den Ford zwei Milliarden US-Dollar investiert hatte.

Weitere Produktionskürzungen waren bereits für Anfang 2025 angekündigt. Die Produktionsanlagen in Köln sind auf 250.000 Fahrzeuge pro Jahr ausgelegt, doch für eine wirtschaftliche Auslastung wären mindestens 200.000 Einheiten nötig. Diese Marke scheint derzeit in weiter Ferne.

Großes Interesse – wenig Kaufverträge

Die Marketingzahlen klangen zunächst vielversprechend: Bis Oktober 2024 hatten fast 200.000 europäische Kunden ihre persönliche Capri-Variante online konfiguriert. 24 Prozent entschieden sich dabei für die prägnante gelbe Lackierung.

Doch Konfigurationen sind keine Kaufverträge. Wie viele Capri tatsächlich verbindlich bestellt wurden, gab Ford zu keinem Zeitpunkt bekannt – ein deutliches Zeichen dafür, dass die Zahlen wohl nicht den Erwartungen entsprachen.

Marktumfeld: Schwierige Zeiten für Elektroautos

Die schwache Nachfrage nach Explorer und Capri fügt sich in ein größeres Bild ein: Die VW-Modelle auf derselben MEB-Plattform – ID.3, ID.4, ID.5 und ID.7 – verzeichnen ebenfalls enttäuschende Verkaufszahlen. In den fünf größten europäischen Märkten wurden in den ersten sieben Monaten 2024 laut Analysten von Jato nur etwas über 46.000 dieser VW-Modelle zugelassen.

Der Marktanteil von Ford in Europa sank dramatisch: In den ersten neun Monaten 2024 fiel er von 4,1 Prozent auf nur noch 3,3 Prozent in der EU, Großbritannien und der EFTA-Region. Ford verkaufte nur 326.975 Pkw – ein Rückgang von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. In Deutschland betrug der Marktanteil im Oktober 2024 nur noch 3,6 Prozent, gegenüber 4,1 Prozent Ende 2023.

Der Wegfall staatlicher Förderungen in Deutschland Ende 2023 belastet den Markt zusätzlich, und die Konkurrenz durch günstigere chinesische Hersteller wächst.

Lichtblick: Eigene Batterieproduktion seit Juni 2025

Ein positiver Meilenstein in der angespannten Situation: Im Juni 2025 startete Ford die Serienproduktion eigener Hochvoltbatterien am Kölner Standort. Das ehemalige Motorenwerk wurde vollständig modernisiert und in eine digitalisierte Produktionsanlage für Batterien umgebaut.

Dort produzieren 180 neu installierte Roboter Batterien in drei verschiedenen Größen für Explorer und Capri. Die vollständig digitalisierte Anlage schweißt, klebt und schraubt Batteriegehäuse zusammen, die mit bis zu zwölf jeweils etwa 30 Kilogramm schweren Batteriemodulen bestückt werden. Die Fertigung vor Ort sorgt für höhere Effizienz und reduziert Transportwege erheblich.

Bis Ende 2024 hatte Volkswagen die Batteriemontage übernommen – Ford übernahm dies bereits seit Jahresbeginn 2025 selbst, bevor die eigene Anlage im Juni in Betrieb ging.

Strukturelle Herausforderungen

Neben der schwachen Marktnachfrage kämpft das Kölner Werk mit weiteren Herausforderungen:

Management-Umstrukturierung: Der bisherige Werksleiter Martin Sander wechselte im Juni 2024 zu Volkswagen. Die US-Zentrale in Detroit entschied daraufhin, das Management in Köln von zehn auf vier Köpfe zu verkleinern und mehr von den USA aus zu steuern. Dies ging mit einer Reihe personeller Wechsel einher.

Personalabbau: Von den rund 13.000 Mitarbeitern in Köln sollen 2.300 Stellen bis 2025 sozialverträglich abgebaut werden – etwa durch Nicht-Nachbesetzung nach altersbedingtem Ausscheiden. In der Produktion selbst arbeiten derzeit rund 3.300 Menschen.

Unsicherheit in anderen Werken: Auch im spanischen Werk Almussafes (Valencia) ist eineinhalb Jahre nach der Ankündigung noch keine Entscheidung für ein Elektromodell gefallen. Das Werk Saarlouis, das einst über 7.000 Menschen Arbeit gab, wird komplett geschlossen.

Nachhaltigkeit als Ziel

Trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten verfolgt Ford ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele. Das Cologne Electric Vehicle Center zählt zu den effizientesten Fertigungsstätten von Ford weltweit. Emissionen, Wasserverbrauch und Energiebedarf konnten signifikant gesenkt werden.

Ford arbeitet an der Umsetzung eines Plans zur Erreichung der Klimaneutralität für den Standort. Mit Start der Produktion werden die Treibhausgas-Emissionsdaten überwacht und für eine unabhängige Zertifizierung nach internationalen Standards aufgezeichnet.

Europa-Strategie: Vollelektrisch bis 2030

Die Elektrifizierung des Kölner Werks ist Teil einer umfassenderen Strategie. Ford kündigte bereits 2021 an, das Pkw-Angebot in Europa bis Mitte 2026 vollständig auf Elektro- und Plug-in-Hybridantriebe umzustellen. Ab 2030 sollen alle Pkw-Neuwagen von Ford in Europa rein elektrisch fahren.

Ob diese ambitionierten Ziele angesichts der aktuellen Marktlage realistisch sind, bleibt abzuwarten.

© The Ford Motor Company

Fazit: Mission erfüllt – aber zu welchem Preis?

Mehr als vier Jahre nach der Ankündigung hat Ford die versprochene Transformation vollzogen. Aus einem traditionellen Verbrenner-Werk wurde eine hochmoderne Elektrofahrzeug-Produktionsstätte. Die Investition von zwei Milliarden US-Dollar ist real, das Werk produziert seit Juni 2024 den Explorer und seit September 2024 den Capri.

Technisch ist das Cologne Electric Vehicle Center ein Erfolg: hochautomatisiert, mit modernster Robotik ausgestattet, eigener Batterieproduktion und umfassender Qualitätskontrolle. Die Produktionskapazität von 250.000 Fahrzeugen pro Jahr ist vorhanden.

Wirtschaftlich jedoch steht das Werk vor enormen Herausforderungen. Statt Vollauslastung gibt es Kurzarbeit, statt Erfolgsmeldungen Produktionskürzungen. Die Nachfrage nach den beiden Elektromodellen bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Der dramatische Rückgang des Ford-Marktanteils in Europa zeigt, dass die Probleme tiefer gehen als nur die Elektromodelle aus Köln.

Die Geschichte zeigt: Getätigte Investitionen sind keine Garantie für langfristigen Erfolg. Das Ford-Werk im belgischen Genk wurde 2014 geschlossen, obwohl kurz zuvor noch investiert worden war. Ob das Cologne Electric Vehicle Center das gleiche Schicksal droht oder ob Ford den Turnaround schafft, wird sich in den kommenden Jahren entscheiden.

Eines ist jedoch sicher: Das Kölner Werk steht symbolisch für die Herausforderungen der gesamten europäischen Automobilindustrie beim Übergang zur Elektromobilität. Technologische Transformation allein reicht nicht – am Ende entscheidet die Marktnachfrage über Erfolg oder Scheitern.


Zeitstrahl Ford Cologne Electric Vehicle Center:

Kennzahlen (Stand November 2025):

Ford Explorer:

Ford Capri:

Editorial

Verantwortlich: Robert Maximiuk
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