Es gibt bei jedem Autohersteller diesen einen Mann. Seinen Namen kennst du nicht. Er erscheint nicht auf den Designpräsentationen, steht nicht neben dem strahlenden Chefdesigner vor dem enthüllten Showcar. Aber er war da. Er war immer da.
Sein Name ist Ferdi.
Ferdi ist der Grillmeister. Sein Aufgabengebiet: ausschließlich Kühlergrills. Während das restliche Designteam monatelang über Proportionen, Dachlinie und Lichtgrafik brütet, sitzt Ferdi in einem separaten Büro, hört Schlager und wartet auf seinen Einsatz. Wenn alles fertig ist – das schöne Auto, durchdacht von vorne bis hinten – kommt Ferdi. Und klebt seinen Grill drauf.
Die folgende Liste ist sein Lebenswerk. Wir ehren ihn.
Platz 10: Audi Q5 (3. Generation, ab 2024) – Der Wabengott aus Ingolstadt

Schau dir dieses Foto an. Nimm dir einen Moment. Das ist kein Kühlergrill. Das ist eine Drohung.
Audi baut seit Jahren den Singleframe aus – größer, breiter, dominanter. Irgendwann in der Produktentwicklung des neuen Q5 hat jemand gefragt: „Wie groß kann er noch werden?“ Und Ferdi – der übrigens aus Ingolstadt kommt, Kennzeichen IN, wir wissen es jetzt – hat geantwortet: „Lass uns das herausfinden.“
Das Ergebnis ist ein sechseckiges Wabengeflecht in Übergröße, das die gesamte Frontpartie einnimmt wie ein Bienenstock, der beschlossen hat, SUV zu werden. Die Vier Ringe versinken darin fast – als schämten sie sich ein bisschen. Das Kennzeichen hängt leicht verloren davor, wie ein Post-it auf einem Kühlschrank.
Von hinten: wunderschön. Von der Seite: elegant. Von vorne: Ferdi war hier.
Platz 9: Renault Vel Satis (2001–2009) – La Bella Laide auf Valium

Die Franzosen haben einen Begriff dafür: belle laide – schön hässlich. Eine gewisse Eigenart, die trotzdem fasziniert. Der Vel Satis hatte davon etwas. Aber sein Kühlergrill war weder schön noch hässlich auf die interessante Art. Er war einfach… verwirrend. Eine Ansammlung horizontaler und vertikaler Elemente, die sich gegenseitig nicht einigen konnten, wer jetzt das Sagen hat.
Ferdi hatte an dem Tag Urlaub. Ein Praktikant hat übernommen. Man hat es nicht mehr rechtzeitig gemerkt.
Platz 8: Cadillac Escalade (4. Generation, 2015–2020) – Der Kristallpalast aus Detroit

Amerika hat ein anderes Verständnis von Bescheidenheit. Das ist bekannt und prinzipiell respektabel. Aber der Escalade dieser Generation trägt vorne eine Gitterstruktur, die aussieht wie das Tor zur Unterwelt – vergoldet, verchromt und mit der Botschaft: Wer hierher schaut, soll eingeschüchtert werden. Mission accomplished, irgendwie. Allerdings: Einschüchterung ist noch kein Designprinzip.
Ferdis amerikanischer Kollege heißt Randy. Randy arbeitet sehr gerne mit Chrom.
Platz 7: Dodge RAM TRX (2021–2024) – Truck von Mars

Der RAM TRX ist im Grunde ein Fahrzeug, das nichts zu verbergen hat. 712 PS, Supercharger, kann Dünen überspringen. Das braucht keinen hübschen Grill. Und Randy – oder war es doch Ferdi auf Dienstreise? – hat das offensichtlich auch so gesehen. Der Grill ist groß. Sehr groß. Er nimmt die gesamte Frontfläche ein wie ein hungriges Maul, das auf Geländefeinde wartet. Es gibt Insekten, die überzeugender aussehen als dieses Frontdesign.
Wer ihn kauft, schaut eh nie drauf. Man sitzt zu hoch.
Platz 6: Audi Q8 e-tron – Der Scheingrill

Hier wird es philosophisch. Der Audi Q8 e-tron ist ein Elektroauto. Er hat keinen Verbrennungsmotor. Er braucht keine Luftkühlung. Er braucht, motorisch gesprochen, keinen Kühlergrill. Und trotzdem trägt er einen. Einen riesigen. Den Singleframe in seiner aktuellen, aufgeblähten Form – als hätte jemand den normalen Audi-Grill in der Mikrowelle vergessen.
Ferdi hat hier nicht mal einen Kühlergrill entworfen. Er hat eine Attrappe entworfen. Ein Grill, der so tut als ob. Das ist noch schlimmer. Das ist Methode Ferdi in Reinform: Es muss aussehen wie ein Grill. Was darunter passiert, ist seine Sache nicht.
Platz 5: Pontiac Aztek (2001–2005) – Das Unglücksrabe-Mobil

Der Aztek hat eine eigene Kategorie verdient. Er ist nicht nur hässlich vorne – er ist rundherum ein Design-Notfall. Aber der Kühlergrill verdient besondere Erwähnung: eine zweifarbige, in die Breite gezogene Plastikwüste, die aussieht wie der Vorderzahn eines Roboters nach einer Schlägerei.
General Motors hat den Aztek inzwischen als Designfehler anerkannt. Ferdi – in diesem Fall wohl ein ganzes Komitee – wurde nie namentlich genannt. Der Aztek wurde später durch Breaking Bad unsterblich, was beweist: Manchmal ist Kontext alles. Ohne Walter White wäre dieses Auto einfach nur traurig.
Platz 4: Fiat Multipla (1998–2010) – Der Unsterbliche

Es wäre eine Unterlassung, den Multipla nicht zu erwähnen. Er ist die Referenz. Das Urmeter der automobilen Hässlichkeit. Sein Grill ist dabei nur ein Teil des Gesamtkunstwerks – aber was für einer. Breit, niedrig, mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen überraschtem Fisch und gelangweiltem Tintenfisch liegt. Das Auto hat zwei Stockwerke Scheinwerfer, weil einer offensichtlich nicht gereicht hat – und dazwischen sitzt Ferdis Meisterwerk: der Grill als Bindeglied zwischen zwei Katastrophen.
Museen haben den Multipla ausgestellt. Nicht als Warnung. Als Exponat.
Platz 3: Jeep Cherokee KL (2014–2023) – Das schielende Auge

Der Cherokee dieser Generation hat das Problem, dass er zwei Gesichter hat – buchstäblich. Die Tagfahrlichter sitzen hoch, die eigentlichen Scheinwerfer tief, dazwischen der Grill: ein zerklüftetes, kantiges Gebilde, das wirkt wie das Ergebnis eines Designmeetings, bei dem niemand nachgegeben hat. Ferdi hat hier offensichtlich im Streit mit dem Scheinwerfer-Team einen Kompromiss erzwungen. Der Kompromiss hat niemanden glücklich gemacht.
Jeep hat den Cherokee 2023 aus dem Programm genommen. Offizielle Begründung: strategische Neuausrichtung. Inoffizielle Begründung: Ferdi war im Urlaub und niemand wusste wie man das repariert.
Platz 2: Lexus NX / RX (2014–2021) – Der Spindelgrill

Toyota wollte mit Lexus endlich auffallen. Jahrelang waren die Autos gut, leise und optisch so aufregend wie ein Steuerberater-Parkplatz. Also rief man Ferdis japanischen Kollegen Kenji und sagte: Mach was Mutiges. Kenji übertrieb.
Der Spindelgrill – intern liebevoll „Hourglass Grille“ genannt – ist ein gegenläufiges Trapez, das sich in die Frontschürze frisst wie ein hungriges Rhombus-Wesen. Das Ergebnis: ein Fahrzeug, das von vorne gleichzeitig aggressiv und verblüfft aussieht. Wie ein Tier, das gerade seine eigene Beute erschreckt hat. Der NX und RX dieser Generation haben mehr Diskussionen ausgelöst als jedes andere Lexus-Modell der Geschichte. Was Kenji als Erfolgsbeweis verbucht.
2021 wurde der Grill entschärft. Selbst Kenji hatte irgendwann genug.
Platz 1: BMW iX / Aktuelle Nierenfraktion (ab 2021) – Ferdis Karrierehöhepunkt

Und da ist er. Der Gipfel. Ferdis Opus Magnum.
Die BMW-Niere ist ein Designelement mit Tradition, Geschichte, Wiedererkennungswert. Generationen von Ingenieuren haben sie verfeinert, minimiert, proportioniert. Und dann – irgendwann um 2018 – betrat Ferdi Günther aus Dingolfing das Münchner Designstudio, legte seinen Kaffee ab und fragte: „Was, wenn wir die Niere einfach… größer machen? Viel größer?“
Der iX trägt zwei Nieren, die zusammen größer sind als das Visier eines Ritterhelms. Sie nehmen die komplette Front ein. Sie sind vertikal. Sie haben eine leichte Eigenbeleuchtung. Sie können, bei bestimmten Varianten, als Kamera, Radar und Sensor-Array fungieren – was technisch beeindruckend ist und optisch trotzdem klingt wie eine Entschuldigung.
BMW-Designchef Domagoj Dukec sagte damals, die Kunden müssten sich erst „daran gewöhnen“. Das stimmt. Menschen gewöhnen sich an vieles. An Großraumbüros, an Steuererklärungen, an diese Niere. Das macht es nicht besser.
Ferdi Günther bekam im Jahr der iX-Präsentation eine Gehaltserhöhung. Er arbeitet seitdem an der nächsten Niere.
Fazit: Ehret den Grillmeister
Was lässt sich aus dieser Liste lernen? Einiges. Erstens: Ein gutes Auto kann durch seinen Kühlergrill ruiniert werden – und umgekehrt kann kein noch so schöner Grill ein schlechtes Auto retten. Zweitens: Mut beim Design ist wertvoll, aber Mut ohne Korrektiv produziert Spindelgrills und iX-Nieren. Drittens: Irgendwo in jedem Konzern sitzt ein Ferdi.
Ferdi ist nicht böse. Ferdi meint es gut. Ferdi hat nur zu viel Platz bekommen.
Beim nächsten Auto, das du von vorne anschaust und das dich anschaut wie ein Fisch, der etwas falsch verstanden hat: Denk an ihn. Er hat das so gewollt.
Kommentare
0Jetzt bist du dran
Wie siehst du das – Zustimmung, Gegenargument oder eigene Erfahrung?
Zustimmung, Widerspruch oder eigene Erfahrung: Hier darf es gern konkret werden.
Du hast noch keinen Account? Registriere dich hier und werde Teil der Community!