Lancia Ypsilon: Italiens schönste Unbekannte
Eine Liebeserklärung an das italienische Design – und warum wir sie vermissen.
Er ist bildschön. Er trägt einen der klangvollsten Namen der Automobilgeschichte. Und doch ist die Wahrscheinlichkeit, dass du heute einem Einhorn begegnest, statistisch gesehen höher als die Sichtung eines neuen Lancia Ypsilon auf deutschen Straßen.
Während wir uns hierzulande in grauen Crossovern verlieren, hat Lancia im Februar 2024 (und ja, wir schreiben mittlerweile 2026) ein Auto auf die Räder gestellt, das pure Italianità atmet. Es ist Zeit, diesen Design-Schatz aus der Versenkung zu holen – auch wenn Stellantis ihn vor uns verstecken will.
Lancia: Mehr als nur „die alten Rallye-Autos“
Bevor wir uns in das Leder des neuen Ypsilon kuscheln, kurz Hand aufs Herz: Lancia ist nicht irgendeine Marke. Lancia ist der Grund, warum Autos heute so fahren, wie sie fahren. Selbsttragende Karosserie (Lambda, 1923)? Lancia. Der erste V6-Motor (Aurelia, 1950)? Lancia.
Und dann war da diese Zeit, als die Turiner beschlossen, den Gesetzen der Physik den Mittelfinger zu zeigen. Der Stratos, der 037, der Delta HF Integrale – zehn Konstrukteurs-Weltmeisterschaften. Niemand hat mehr. Dass die Marke danach fast zu Tode gespart wurde und uns gruselige Chrysler-Klone als Lancia verkaufen wollte, verdrängen wir jetzt einfach mal. Schwamm drüber. Denn der neue Ypsilon ist die Wiedergutmachung.
Design: Ein Maßanzug in einer Welt voller Trainingshosen
Vergiss für einen Moment, was unter dem Blech steckt. Schau ihn dir an. Der neue Ypsilon ist mit 4,08 Metern Länge kein aufgeblähter Pseudo-Offroader, sondern ein klassischer, eleganter Kleinwagen.

Die Front: Der „Kelch des Lichts“. Drei LED-Leisten formen den historischen Lancia-Grill neu. Es sieht aus wie Science-Fiction, die auf Art Déco trifft.
Das Heck: Ein Traum für Kenner. Die runden LED-Leuchten sind ein direkter Liebesbrief an den Lancia Stratos. Dazu der handgeschriebene „Ypsilon“-Schriftzug – das hat Stil, das hat Klasse, das ist Amore.
Die Linie: Die Türgriffe hinten sind versteckt (verzeihen wir den Alfa-Romeo-Trick), was dem Auto eine Coupé-hafte Silhouette verleiht. Es ist, als hätte Lancia einen Opel Corsa (dazu kommen wir gleich) zum Schneider nach Mailand geschickt. Und der Schneider hat ganze Arbeit geleistet.
Innenraum: Dein Wohnzimmer auf Rädern
Im Innenraum wird es skurril – auf die bestmögliche Weise. Lancia nennt das Konzept „S.A.L.A.“ (Sound, Air, Light, Augmentation), was praktischerweise auch „Wohnzimmer“ bedeutet.
Der „Tavolino“: Nutzlos? Vielleicht. Wunderschön? Absolut.
Der absolute Hingucker ist der „Tavolino“. Eine runde Ablage unter dem Armaturenbrett, bezogen mit feinstem Leder, die aussieht wie ein Coffee Table von Cassina. Welcher deutsche Ingenieur würde so etwas genehmigen? Keiner. Und genau deshalb lieben wir es. Es erfüllt keinen wirklichen Zweck, außer verdammt gut auszusehen und dein Handy zu halten.
Dazu gibt es Samtbezüge mit „Cannelloni“-Steppung (ja, das heißt wirklich so). Aber bleiben wir ehrlich: Sobald der Blick nach unten wandert, grüßt das Hartplastik des Konzernbaukastens. Auch hinten ist es kleinwagentypisch eng. Aber hey, wer schön sein will, muss eben ein bisschen leiden – oder vorne sitzen.
Die Technik: Corsa im Smoking
Machen wir es kurz: Technisch ist der Ypsilon ein Bruder von Opel Corsa und Peugeot 208. Er steht auf der CMP-Plattform. Das klingt unromantisch, ist aber eine gute Nachricht: Die Technik funktioniert, Ersatzteile gibt es an jeder Ecke.
Lancia bietet drei Geschmacksrichtungen an:
1. Der Vernünftige: Mildhybrid (MHEV)
Ein 1,2-Liter-Dreizylinder mit 48-Volt-System und dem neuen eDCT6-Getriebe. Lancia hat massiv Dämmmaterial verbaut – der Ypsilon ist flüsterleise, deutlich ruhiger als seine deutschen und französischen Brüder.
2. Der Moderne: Elektro (BEV)
Der bekannte 156-PS-Elektromotor von Stellantis. 403 km Reichweite nach WLTP sind für die Stadt und das Umland völlig okay. Nur die Ladegeschwindigkeit (100 kW) reißt 2026 niemanden mehr vom Hocker.
3. Der Wahnsinnige: Ypsilon HF
Hier wird es wild. 280 PS. Elektrisch. Vorderantrieb mit Torsen-Sperrdifferenzial. 5,6 Sekunden auf 100. Das Ding ist 3 cm breiter, liegt tiefer und trägt das legendäre Elefanten-Logo. Ein echter Hothatch, der Fahrspaß ernst nimmt.
| Merkmal | Mildhybrid | Elektro | HF (Elektro) |
|---|---|---|---|
| Leistung | 100 PS (74 kW) + e-Motor (Systemleistung je nach Quelle ~109 PS) |
156 PS (115 kW) | 280 PS (206 kW) |
| 0-100 km/h | 9,3 Sek. | 8,0 Sek. | 5,6 Sek. |
| Reichweite | – | 403 km (WLTP) | ca. 370 km |
| Kofferraum | 352 Liter | 309 Liter | 309 Liter |
| Besonderheit | Flüsterleise | Solider Standard | Sperrdifferenzial |
Das Drama: Warum du ihn nicht kaufen kannst
Jetzt kommen wir zum traurigen Teil. Eigentlich sollte Lancia längst wieder in Deutschland sein. Stand Februar 2026 sieht die Realität aber düster aus:
- Offizielle Händler: Fehlanzeige.
- Neuzulassungen 2025: Laut KBA genau zwei Stück. In ganz Deutschland.
Der Grund: Stellantis hat Angst. Der Markt ist hart und die Preise für den Ypsilon sind selbstbewusst. Ein Hybrid startet in Italien laut Liste bei ca. 24.900 €, die Elektro-Version bei 34.900 € (wobei Aktionen die Preise teils deutlich drücken). Wer einen will, muss aktuell den Weg über Importeure gehen oder sich in Italien einen schnappen.
Was sagen die „Amici“ in Italien?
In den italienischen Foren (Quattroruote, AlVolante) ist die Stimmung gemischt:
Lode (Lob): Das Design wird gefeiert („Bellissima!“). Fahrkomfort und Geräuschdämmung werden als „Best in Class“ gelobt.
Critica (Kritik): Der Preis. Viele Italiener vermissen den alten, günstigen Ypsilon. Und natürlich das Hartplastik an den Türen. „Premium-Preis für Corsa-Plastik“, unken manche.
Fazit: Ein Diamant, den niemand sieht
Der Lancia Ypsilon ist objektiv betrachtet ein leiserer, schickerer und teurerer Opel Corsa. Aber subjektiv ist er so viel mehr. Er ist ein Statement gegen die Langeweile. Er hat Charakter, Ecken, Kanten und einen „Tisch“ im Cockpit.
Es ist eine Schande, dass dieses Auto in Deutschland unter dem Radar fliegt. Wenn du Individualist bist, italienisches Design liebst und keine Lust auf das zehnte graue SUV in deiner Straße hast: Such dir einen Importeur. Hol ihn dir. Er wird nicht perfekt sein, aber er wird dir jeden Morgen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Und ist es nicht das, worum es beim Dolce Vita geht?
- Hinreißendes, einzigartiges Design
- Sehr leiser Innenraum (Top-Dämmung)
- Tolles „Wohnzimmer“-Cockpit (S.A.L.A.)
- Bewährte Technik (einfache Wartung)
- HF-Version mit echten Emotionen
- In DE kaum verfügbar / Kein Händlernetz
- Selbstbewusste Preise (Hybrid ab ~24.900 €)
- Wenig Platz im Fond
- Hartplastik im unteren Innenraum
- Ladeleistung nur Durchschnitt (100 kW)
👉 Alternative gefällig? Nicht ganz so schön, aber preiswerter und in Deutschland kaufbar: Der Renault Twingo E-Tech
Lancia Ypsilon Galerie














































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