Stell dir vor, dein Chef kommt zu dir. Er sagt: „Du weißt, der Chiron? Das ikonischste Hypercar des letzten Jahrzehnts? Dein Job ist es, den Nachfolger zu entwerfen. Er muss besser, schneller und dramatischer aussehen. Und wehe, man erkennt ihn nicht sofort als Bugatti. Viel Glück, keine Ausreden.“
Willkommen im Leben von Jan Schmidt. Als Exterior Designer für den neuen Bugatti Tourbillon hatte er genau diesen Hochdruck-Job.
Einen Bugatti zu designen ist nicht wie einen neuen Golf zu entwerfen. Du hast keine Fokusgruppen, die dir sagen, ob der Getränkehalter praktisch ist. Du arbeitest an der absoluten Spitze der Nahrungskette. Du designst für Milliardäre, für die Geschichtsbücher und für die Poster in Kinderzimmern.
Wir haben analysiert, wie der junge deutsche Designer und sein Team dieses Biest gezähmt haben – und warum der Tourbillon so aussieht, wie er aussieht. Spoiler: Es ging nie nur um „schöne Linien“.
Das Diktat des Motors: Wenn der V16 befiehlt, hat der Designer zu gehorchen
Wenn man Jan Schmidt über seine Arbeit sprechen hört, wird eines sofort klar: Er ist kein Träumer, der nur mit dem Skizzenblock auf einer Wiese sitzt. Er ist ein Realist, der mit brutalen technischen Vorgaben arbeiten musste.
Die größte Herausforderung war das Herzstück: Der neue, riesige V16-Saugmotor. Der alte W16-Motor im Veyron und Chiron war kompakt, fast quadratisch. Der neue V16 ist… lang. Verdammt lang.
Die Konsequenz für das Design: Der Motor brauchte Platz. Viel Platz. Das bedeutete, dass die gesamte Passagierkabine deutlich nach vorne geschoben werden musste. Das klassische Hypercar-Layout (kurze Nase, lange Kabine, kurzes Heck) funktionierte nicht mehr.
Schmidt musste ein Auto zeichnen, das „Cab-Forward“ ist (Kabine weit vorne), aber trotzdem nicht aussieht wie ein Minivan, sondern wie ein sprungbereites Raubtier. Die Proportionen waren die Hölle. Dass der Tourbillon trotzdem so flach und breit wirkt, ist Schmidts größter Trick. Er hat die visuellen Massen so verteilt, dass das Auge die Länge des Motors akzeptiert, ohne dass das Auto gestreckt wirkt.
„Form Follows Performance“ – aber in extrem
Bugatti hat ein Mantra: „Form follows Performance.“ Bei einem Auto, das 445 km/h fährt, ist das keine Marketing-Floskel, sondern eine Überlebensfrage.
Schmidt betont oft, dass jede Linie am Tourbillon eine Funktion hat.
- Die Lufteinlässe als Skulptur: Die Front ist nicht nur ein Lufteinlass, sie ist eine dreidimensionale Skulptur. Der berühmte Hufeisen-Grill ist tief und plastisch, ein „negatives Volumen“, das Luft in das Auto saugt. Schmidt erklärt, wie die Luft durch die Kühler strömt und dann durch Öffnungen in der Haube und an den Seiten wieder austritt, um Abtrieb zu erzeugen.
- Der „fliegende Kotflügel“: Die berühmte C-Linie an der Seite ist mehr als nur ein Designelement. Schmidt nennt sie einen „flying fender“. Sie ist von der Karosserie abgesetzt, sodass die Luft darunter hindurchströmen kann, um den Motor zu kühlen und die Aerodynamik zu optimieren. Ein geniales Detail, das man erst auf den zweiten Blick sieht.
- Das „Monster“ am Heck: Ein echtes Highlight ist der Diffusor. Er ist so riesig, dass Schmidt ihn ein „Monster“ nennt. Er beginnt fast in der Mitte des Autos und saugt es so brutal an den Boden, dass die Oberseite des Hecks „sauber“ und ohne feststehenden Flügel bleiben konnte.
Der Kampf mit dem Erbe: Das Rückgrat und die Zeitlosigkeit
Wie machst du ein Auto neu, das gleichzeitig 115 Jahre Geschichte transportieren muss? Schmidt musste zentrale Elemente retten und neu interpretieren.
Das wichtigste historische Zitat ist das Rückgrat (The Spine). Inspiriert vom legendären Bugatti Type 57SC Atlantic aus den 30ern, hat der Tourbillon eine zentrale Linie, die sich von der Front über das Dach bis ins Heck zieht. Schmidt erklärt, dass diese Linie nicht außen endet: Sie fließt durch die Windschutzscheibe in den Innenraum und wird dort zur Mittelkonsole, die Fahrer und Beifahrer in zwei separate, fokussierte Cockpits trennt. Außen und Innen werden eins.
Sein Ziel für das Design fasst er in einem Satz zusammen: "Er sollte so aussehen, als hätte er vor 100 Jahren oder in 100 Jahren designt werden können." Zeitlosigkeit als höchstes Gut.
Unser Fazit
Ein analoges Meisterwerk in einer digitalen Welt
Jan Schmidt hat in Interviews einen Satz gesagt, der hängenbleibt. Er sprach von dem "analogen Gefühl", das der Tourbillon vermitteln soll.
In einer Zeit, in der Autos zu rollenden iPads werden, hat Schmidt ein Auto entworfen, das aussieht wie ein Uhrwerk. Mechanisch. Ehrlich. Brutal. Der Name "Tourbillon" (ein komplexes Bauteil aus der Uhrmacherei) passt perfekt zu seinem Design. Es ist ein Auto, bei dem man die Mechanik sieht. Man sieht, wo die Luft reingeht, man ahnt, wo der riesige Motor sitzt.
Schmidt hat nicht versucht, den Chiron zu kopieren. Er hat die DNA genommen und sie um den neuen V16 herum neu gezüchtet. Er hat den härtesten Job im Autodesign angenommen – und abgeliefert.
Chapeau, Herr Schmidt.
Titelfoto: © Bugatti Automobiles S.A.S.
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