Und es gibt dieses.
Ein Kunde wollte ein Dach. Morgan und Pininfarina machten daraus eine neue Karosserie.
Die Entstehungsgeschichte klingt fast zu schön, um in einer Branche wahr zu sein, in der neue Modelle normalerweise durch Strategie-Papiere, Zielgruppencluster und Entwicklungsprogramme mit drei Buchstaben entstehen. Nach der Premiere des offenen Midsummer im Jahr 2024 fragte ein Kunde Morgan, wie eine geschlossene Interpretation aussehen könnte. Das war der Anfang.
Die einfache Lösung wäre offensichtlich gewesen: Dach drauf, Seitenscheiben dazu, fertig. Genau das taten Morgan und Pininfarina nicht. Stattdessen wurde die Idee neu gedacht. Andere Proportionen. Eine neue obere Karosseriestruktur. Eine gläserne Kuppel. Eine durchgehende Edelstahl-Linie, die das Auto längs teilt. Neue A-Säulen, neue konstruktive Aufgaben, neue Formen.
Aus einem Kundenwunsch wurden zunächst ein Prototyp – bei Morgan „Artist’s Proof“ genannt – und anschließend acht weitere Interessenten. Insgesamt entstehen neun Kundenautos. Neun. Nicht neunhundert. Nicht neuntausend. Neun.
Warum dieses Coupé so gut aussieht
Gute Proportionen lassen sich nicht mit einem Chrompaket nachrüsten. Sie sind entweder da – oder eben nicht. Beim Midsummer Coupé sitzt das Vorderrad weit vorn, die Haube zieht sich scheinbar endlos Richtung Windschutzscheibe, die Kabine hockt weit hinten zwischen den hinteren Kotflügeln. Das ist klassische Sportwagen-Geometrie, aber nicht als Retro-Kostüm.
Entscheidend ist, wie ruhig das Auto gezeichnet ist. Keine optischen Lufteinlässe, die aggressiv gucken sollen. Keine übergroßen Kühlergrafiken, keine künstlichen Kanten, kein Versuch, mit zwanzig Linien Bewegung zu simulieren. Die Spannung entsteht aus Flächen und Volumen. Aus dem Kontrast zwischen geschwungenen Kotflügeln und der fast technischen Präzision der Verglasung. Aus den filigranen 19-Zoll-Schmiederädern. Und aus dieser einen polierten Linie, die sich vom Haubenmittelsteg bis über das Heck zieht.



Das Bemerkenswerte daran: Trotz seiner Nostalgie zitiert der Midsummer Coupé keinen einzelnen Klassiker. Man sieht britische Roadster, italienische Gran Turismo, ein bisschen Streamliner, ein wenig Yachtbau – und trotzdem wirkt das Ganze wie ein eigenes Auto. Das ist viel schwieriger, als einfach nur alte Formen neu aufzuwärmen.
Offizielle Vorstellung des Midsummer Coupé von Morgan Motor Company.
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Morgan zeigt Form, Details und die Idee hinter dem geschlossenen Midsummer.
Ein Dach wie eine Vitrine.
Der vielleicht spektakulärste Teil des Autos ist genau der, den der erste Midsummer bewusst nicht hatte: das Dach. Es ist keine aufgesetzte Kappe, sondern eine konstruktive Einheit aus gefrästen Aluminium-A-Säulen, verklebter Windschutzscheibe und strukturell eingebundener Dachverglasung.
Das Glas ist also nicht bloß Dekoration. Es arbeitet mit. Lasten werden über die neue Struktur verteilt, die Karosserie gewinnt Steifigkeit und trotzdem bleibt der Gewichtszuwachs erstaunlich klein. Morgan beziffert ihn auf nur 2,5 Prozent gegenüber einem Supersport mit Hardtop.
Und weil dieses Coupé tatsächlich reisen soll, gibt es vollständige Wetterabdichtung, Klimatisierung und einen deutlich nutzbareren Gepäckraum. Das Schöne daran: Nichts davon sieht nach Vernunftmaßnahme aus. Die Funktion verschwindet in der Form.
Eher Riva als iPad.
Wer heute in ein neues Auto steigt, blickt oft zuerst auf schwarze Displays. Der Midsummer Coupé begrüßt dich mit etwas, das inzwischen fast exotischer geworden ist: Material.
Helles Leder. Aluminium. Sichtbares Holz. Im „Artist’s Proof“ zieht sich Teak durch die Kabine und nimmt damit das vielleicht charakteristischste Motiv des offenen Midsummer auf. Die Dachverglasung flutet diesen Innenraum mit Licht. Dadurch wirkt das Coupé nicht enger als der offene Vorgänger, sondern beinahe wie ein kleiner Salon unter Glas.


Das ist Luxus in einer Form, die nicht nach Ausstattungsliste klingt. Holz ist hier nicht als dünne Zierfolie hineingeklebt. Aluminium soll nach Metall aussehen. Leder darf weich wirken. Und der kleine Wählhebel auf der Mittelkonsole besitzt eine fast absurde haptische Präsenz – genau deshalb funktioniert er.
Man könnte das alles altmodisch nennen. Man könnte allerdings auch fragen, warum wir akzeptiert haben, dass „modern“ im Auto so oft bedeutet, dass immer mehr Oberflächen wie ausgeschaltete Fernseher aussehen.
Ein Auto, das noch Spuren von Händen tragen darf.
Der erste Midsummer war bereits eine Demonstration dessen, was Morgan unter Coachbuilding versteht. Die Aluminiumhaut wurde von Hand geformt; allein die Paneele eines Autos beanspruchten laut Morgan mehr als 250 Arbeitsstunden. Mehr als 400 einzelne Lagen nachhaltig bezogenen Teakholzes wurden laminiert, um die skulpturalen Holzelemente um die offene Kabine zu formen.
Beim Coupé wird dieser Ansatz technisch anspruchsvoller. Die mittlere Karosseriestruktur entsteht weiterhin aus flachem Aluminiumblech, das an der English Wheel in Form gebracht wird. Gleichzeitig nutzt Morgan digitale Messtechnik, moderne Klebeverfahren und präzise gefräste Bauteile. Das ist kein romantischer Kampf „Handwerk gegen Technik“. Es ist die deutlich spannendere Variante: Handwerk mit Technik.



„The Midsummer Story“ zeigt die Entstehung der offenen Barchetta und die Zusammenarbeit von Morgan und Pininfarina.
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Der offizielle Film über Design, Handwerk und die Entstehung des ursprünglichen Midsummer.
Ohne den offenen Midsummer gäbe es dieses Coupé nicht.
2024 war der Midsummer die erste große Antwort auf die Frage, was passiert, wenn Morgan seine eigene Geschichte nicht konserviert, sondern neu interpretiert. Der offene Zweisitzer entstand gemeinsam mit Pininfarina als moderne Barchetta: ohne klassisches Dach, mit extrem niedriger Scheibe, sichtbarem Teak um die Kabine und einer Karosserie, die bewusst stärker mit europäischen Sportwagen der Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre flirtete als mit dem üblichen Retro-Baukasten.
Nur 50 Stück wurden gebaut, und bereits vor der öffentlichen Premiere waren alle vergeben. Der Midsummer trug als erstes Serienfahrzeug überhaupt das „Pininfarina Fuoriserie“-Emblem. Fuoriserie bedeutet wörtlich „außerhalb der Serie“. Beim Coupé ist dieser Begriff fast noch treffender.
Unter der Kunst steckt kein Museumsstück.
Das Midsummer Coupé steht auf Morgans CXV-Generation der geklebten Aluminiumplattform. Sie erlaubt die völlig neue obere Karosseriestruktur und bleibt zugleich mit dem BMW-B58-„O1“-Antriebsstrang kompatibel, den Morgan auch im Supersport 400 einsetzt. Der technische Unterbau ist also hochmodern – nur spielt er optisch nicht den Chef.
Das passt zum ganzen Auto. Hier muss Technik nicht zeigen, dass sie Technik ist. Sie trägt Glas, verteilt Lasten, hält das Gewicht niedrig und macht aus einer Skulptur ein Auto, mit dem man tatsächlich reisen kann.
Die eigentliche Dekadenz ist nicht der Preis. Es ist die Zeit.
Jeder der neun Kunden arbeitet mit Morgans Designern an einer eigenen Interpretation. Farben, Leder, Hölzer, Details: Die Karosserie ist die gemeinsame Grammatik, aber jeder Satz soll anders klingen. Genau darin unterscheidet sich echtes Coachbuilding von einer Konfigurator-Farbe namens „Individual“.
Der gezeigte „Artist’s Proof“ wird nach seiner öffentlichen Rolle Teil der Louwman Collection in Den Haag. Das ist bemerkenswert, weil dieses Auto damit praktisch vom Moment seiner Entstehung an nicht nur als Produkt, sondern als Designobjekt behandelt wird.
Vielleicht ist genau das heute seine größte Leistung.
Der Midsummer Coupé rettet nicht die Welt. Er demokratisiert nichts. Er wird keine Verkaufscharts anführen und er löst kein Mobilitätsproblem. Neun Menschen werden eines besitzen. Für alle anderen bleibt er ein Bild, ein Geräusch, eine Idee.
Aber Autos waren nie nur Fortbewegungsmittel. Die besten von ihnen waren immer auch Architektur auf Rädern, Mode, Technik, Handwerk und ein wenig Größenwahn. Genau deshalb kann ein Auto wichtig sein, obwohl es völlig unnötig ist.
Und vielleicht braucht die Autowelt gerade jetzt so ein Gegenargument. Gegen immer höhere Gürtellinien. Gegen immer größere Displays. Gegen den Zwang, jede Fläche aggressiv zu knicken. Gegen Fahrzeuge, deren Identität erst nach dem Einschalten der Tagfahrlicht-Signatur erkennbar wird.
Der Morgan Midsummer Coupé steht einfach da. Tief. Lang. Elegant. Ein bisschen exzentrisch. Völlig unvernünftig.
Und verdammt noch mal wunderschön.
Man kann Schönheit nicht messen.
Man merkt nur, wenn sie fehlt. Beim Midsummer Coupé fehlt sie ganz sicher nicht.
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