Früher gingen Kinder zu Fuß zur Schule. Heute werden sie von einem Konvoi aus SUVs bis ins Klassenzimmer eskortiert. Eine Analyse des morgendlichen Wahnsinns vor der „Regenbogen-Grundschule“.
Es ist 7:50 Uhr am Morgen. Die Luft ist erfüllt vom Geruch von unverbranntem Diesel und der Angst vor dem Zuspätkommen. Vor der Grundschule spielt sich ein Szenario ab, das man eher bei einem UN-Gipfel erwarten würde als bei der Klasse 3b.
Schwarze Limousinen und, vor allem, haushohe SUVs schieben sich Stoßstange an Stoßstange durch die verkehrsberuhigte Zone. Mittendrin: Torben-Hendrik (8), der auf dem Rücksitz eines Audi Q7 sitzt, als würde er gerade durch ein Kriegsgebiet in Afghanistan eskortiert und nicht zum Sachkunde-Unterricht.
Warum? Warum brauchen wir Fahrzeuge, die für die Durchquerung der Serengeti gebaut wurden, um 500 Meter durch eine asphaltierte 30er-Zone zu fahren?
Das Wettrüsten am Wendehammer
Es ist ein klassisches Wettrüsten. Der Nachbar hat einen VW Tiguan gekauft? Dann brauchst du mindestens einen BMW X5, sonst fühlt sich dein Kind auf dem Rücksitz ja völlig ungeschützt. Es ist die „Panzer-Logik“: Wenn alle anderen in Festungen herumfahren, will ich nicht der Depp im Fiat Panda sein, der unter die Räder kommt.
Das Ergebnis ist grotesk: Muttis (und Vatis!), die kaum über das Lenkrad ihres Range Rovers schauen können, versuchen verzweifelt, ein Fahrzeug von der Größe eines Einfamilienhauses in eine Parklücke zu manövrieren, die für einen VW Käfer konzipiert wurde. Dabei werden Bordsteine nicht überfahren, sie werden annektiert. Die Bodenfreiheit von 25 Zentimetern wird nicht für Felsbrocken genutzt, sondern um den Ranzen leichter einzuladen.
„Aber man sitzt so schön hoch!“
Das ist das Standard-Argument. „Man hat so eine tolle Übersicht.“ Ja, Sabine, du sitzt so hoch wie ein Jäger auf dem Hochsitz. Aber du jagst keine Wildschweine, du suchst nur einen Parkplatz vor dem Bäcker. Dieses Gefühl der Erhabenheit ist trügerisch. Es vermittelt Sicherheit: „Mir kann keiner was.“
Das Problem ist nur: Den anderen schon. Wenn ein 2,5-Tonnen-Trumm auf einen Kleinwagen trifft, gelten die Gesetze der Physik. Und die sind auf der Seite der Masse. Der SUV ist der Tyrannosaurus Rex im Straßenverkehr: Unangreifbar, dominant und mit einem Durst, der jeden Tankwart glücklich macht.
Torben-Hendrik und die verpasste Realität
Was macht das mit den Kindern? Torben-Hendrik lernt: „Die Welt da draußen ist gefährlich. Nur hinter getönten Scheiben und 20 Airbags bin ich sicher.“ Früher war der Schulweg ein Abenteuer. Man hat Pfützen springen geübt, Kastanien gesammelt und gelernt, dass man nicht stirbt, wenn es mal nieselt. Heute wird Torben-Hendrik quasi per Luftbrücke (oder SUV-Brücke) direkt vor das Schultor geliefert. Die Tür geht auf, das Kind fällt raus, Tür zu, und der V8 blubbert davon.
Ein Plädoyer für Abrüstung
Versteh mich nicht falsch: SUVs sind tolle Autos. Sie sind bequem, man kriegt den Großeinkauf und den halben IKEA-Markt rein. Und wenn man wirklich mal einen Pferdeanhänger ziehen muss (was in der Innenstadt von München eher selten vorkommt), sind sie unschlagbar.
Aber für den Schulweg? Vielleicht sollten wir abrüsten. Vielleicht reicht auch ein Kombi. Oder – halt dich fest – ein Fahrrad. Stell dir vor: Torben-Hendrik kommt morgens mit roten Wangen in die Schule, weil er sich bewegt hat, statt auf der Sitzheizung gebraten zu werden.
Und vor der Schule wäre plötzlich Platz. Die Luft wäre besser. Und die Bordsteine könnten aufatmen.
Aber solange der Nachbar den neuen Mercedes GLS fährt, wird das wohl ein Traum bleiben. Denn sicher ist sicher. Und wehe, Torben-Hendrik bekommt nasse Füße.
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