5,8 Liter im WLTP, 7,1 Liter auf der Straße? Millionen Fahrzeuge übermitteln inzwischen ihren tatsächlichen Kraftstoffverbrauch. Unser Realverbrauchs-Analyzer macht diese EU-Daten für einzelne Modelle und Motorvarianten sichtbar.
Ein Prospektwert von 5,5 Litern auf 100 Kilometer klingt zunächst eindeutig. Wer das Auto später selbst fährt, landet vielleicht bei 6,3, 7,0 oder noch mehr. Bislang ließ sich darüber wunderbar streiten: Fahrstil, Wetter, Autobahnanteil, Reifen – oder ist der offizielle Verbrauch schlicht zu optimistisch?
Inzwischen gibt es eine Datenbasis, die diese Diskussion grundlegend verändert.
Seit 2021 müssen neu zugelassene Pkw und leichte Nutzfahrzeuge mit Verbrennungsmotor in der EU mit einem On-Board Fuel Consumption Monitoring Device, kurz OBFCM, ausgerüstet sein. Das System zeichnet unter anderem den tatsächlich verbrauchten Kraftstoff beziehungsweise die Energie sowie die gefahrene Strecke auf. Die Daten werden von Herstellern beispielsweise bei Werkstattbesuchen oder per Datenübertragung erhoben und an die EU gemeldet. Die Europäische Kommission nutzt sie ausdrücklich dazu, die Differenz zwischen WLTP und realem Straßenbetrieb zu überwachen.
Und inzwischen geht es nicht mehr um einige Tausend Testwagen. Die veröffentlichten EEA-Rohdaten umfassen Fahrzeuge mit Erstzulassung 2021, 2022 und 2023.
Realverbrauch selbst nachschlagen
Für den folgenden Rechner wurden die anonymisierten Pkw-Daten auf Modell-, Antriebs- und Variantenebene aufbereitet. In die öffentliche Auswahl kommen nur Varianten mit mindestens 100 Fahrzeugen. WLTP- und Realwert werden außerdem nur dann miteinander verglichen, wenn beide Werte aus denselben gepaarten Fahrzeugdatensätzen stammen.
Nach der Qualitätsprüfung umfasst die nutzbare Datenbasis 7.469.504 Fahrzeuge und 3.514 Variante-/Jahr-Kombinationen.
Marke auswählen, Modell und Motor bestimmen – und sehen, was die Fahrzeuge im echten Betrieb verbraucht haben:
Realverbrauch: WLTP gegen Alltag
Wähle Fahrzeug und Motorisierung. Der Rechner vergleicht den offiziellen WLTP-Kraftstoffverbrauch mit realen OBFCM-Flottendaten derselben Fahrzeuge.
Was die WLTP-Lücke beim Tanken bedeutet
Der Vergleich zeigt hier nur den Kraftstoffverbrauch. Ein PHEV nutzt zusätzlich Strom; ohne den elektrischen Energieverbrauch wäre eine Euro-Gesamtkostenrechnung irreführend. Hohe prozentuale WLTP-Abweichungen sind deshalb nicht wie bei reinen Benzinern oder Dieseln zu interpretieren.
Datenbasis & Methodik
Quelle: EU/EEA-OBFCM-Daten für Pkw mit Erstzulassung 2021 bis 2023. Die Auswertung verwendet nur Fahrzeuge mit mindestens 1.000 km erfasster Laufleistung und plausiblem Realverbrauch.
Vergleich: WLTP und Realverbrauch werden nur aus Datensätzen gebildet, in denen beide Werte für dasselbe Fahrzeug vorliegen. Öffentliche Varianten benötigen mindestens 100 Fahrzeuge.
HEV-Hinweis: Die Anzeige „Hybrid (HEV)“ folgt der EEA-Klassifikation H. Daraus lässt sich nicht in jedem Fall ableiten, ob es sich um einen Vollhybrid oder Mildhybrid handelt.
Was der Rechner tatsächlich zeigt
Der Wert unter WLTP ist der offizielle Typgenehmigungswert der jeweiligen Fahrzeuggruppe. Daneben steht der aus den OBFCM-Daten ermittelte durchschnittliche Realverbrauch.
Damit wird beispielsweise aus einer abstrakten Aussage wie „Autos verbrauchen real rund 20 Prozent mehr“ eine konkrete Frage:
Wie groß ist die Abweichung bei genau diesem Modell und dieser Motorisierung?
Das ist entscheidend. Ein Flottendurchschnitt sagt wenig darüber aus, ob ein bestimmter Motor seinen WLTP-Wert erstaunlich gut trifft oder deutlich darüberliegt.
Bereits die ersten Auswertungen der Europäischen Kommission zeigten bei Benzin- und Dieselfahrzeugen im Durchschnitt einen Realverbrauch und reale CO₂-Emissionen von rund 20 Prozent über WLTP. Auch mit der deutlich größeren Datenbasis des folgenden Berichts blieb diese Größenordnung bestehen.
Der Rechner geht eine Ebene tiefer und zeigt die Abweichung für einzelne Fahrzeuggruppen.
Neben WLTP und Realverbrauch werden deshalb auch die Stichprobengröße, die durchschnittlich erfasste Laufleistung und das 95-Prozent-Konfidenzintervall des Mittelwerts angezeigt. Eine Auswertung von 15.000 Fahrzeugen ist schließlich etwas anderes als eine Momentaufnahme aus drei Testwagen.
Warum der eigene Verbrauch trotzdem anders aussehen kann
Auch mehrere Tausend Fahrzeuge liefern keinen persönlichen Verbrauchswert für den nächsten Fahrer.
OBFCM zeigt, was eine Fahrzeuggruppe im Durchschnitt tatsächlich auf der Straße verbraucht hat. Der individuelle Wert kann darüber oder darunter liegen. Fahrprofil, Geschwindigkeit, Kurzstreckenanteil, Temperatur, Beladung und zahlreiche weitere Faktoren verändern den Verbrauch.
Genau darin liegt aber die Stärke der großen Stichprobe: Einzelne besonders sparsame oder besonders verbrauchsintensive Fahrer verlieren mit zunehmender Zahl der Fahrzeuge an Gewicht.
WLTP verfolgt dagegen einen anderen Zweck. Das standardisierte Prüfverfahren soll Fahrzeuge unter reproduzierbaren Bedingungen miteinander vergleichbar machen. Es ist keine Vorhersage, dass jeder Fahrer exakt diesen Verbrauch erreichen wird. Die EU überwacht die Differenz zwischen Prüfstand und Straße gerade deshalb mit den OBFCM-Daten.
Bei Plug-in-Hybriden wird es richtig interessant
Besonders auffällig sind die Ergebnisse bei Plug-in-Hybriden.
Bei einem PHEV kann der Rechner beispielsweise einen WLTP-Kraftstoffverbrauch von knapp über einem Liter anzeigen, während die Fahrzeuge real fünf oder sechs Liter Benzin verbraucht haben. Prozentual entstehen dadurch Abweichungen von mehreren Hundert Prozent.
Das bedeutet allerdings nicht, dass man einen PHEV genauso bewerten kann wie einen normalen Benziner.
Der WLTP-Wert eines Plug-in-Hybriden berücksichtigt einen angenommenen elektrischen Fahranteil. Im Alltag hängt das Ergebnis deshalb entscheidend davon ab, wie häufig das Fahrzeug geladen und wie viel tatsächlich elektrisch gefahren wird.
Die Europäische Kommission stellte bereits bei den 2021 erstmals zugelassenen PHEV fest, dass deren reale CO₂-Emissionen im Mittel etwa 3,5-mal so hoch wie die Typgenehmigungswerte waren. Als wesentlichen Grund nennt sie, dass die Fahrzeuge weniger häufig geladen und elektrisch gefahren wurden als im Prüfverfahren angenommen.
Deshalb zeigt unser Rechner bei PHEV zwar den gemessenen Kraftstoffverbrauch, berechnet daraus aber bewusst keine vermeintlichen Gesamtenergiekosten.
Wer fünf Liter Benzin und zusätzlich Strom aus der Steckdose verbraucht, verursacht schließlich nicht nur Kosten für die fünf Liter Benzin. Ohne den elektrischen Energieverbrauch einzubeziehen, wäre eine solche Rechnung unvollständig.
HEV bedeutet nicht automatisch Vollhybrid
Auch bei Hybriden ist eine kleine Einschränkung wichtig.
Die EU-Daten klassifizieren Fahrzeuge unter anderem als HEV. Daraus lässt sich jedoch nicht bei jedem Datensatz zuverlässig ableiten, ob es sich technisch um einen klassischen Vollhybrid oder einen Mildhybrid handelt.
Der Rechner bleibt deshalb bewusst bei der neutralen Bezeichnung „Hybrid (HEV)“.
Für die Verbrauchsauswertung ist das kein Nachteil: Entscheidend ist hier, welche Fahrzeuge zu derselben technischen Gruppe gehören und welchen Kraftstoffverbrauch sie tatsächlich aufgezeichnet haben.
Was die EU mit diesen Daten erreichen will
Die OBFCM-Datensammlung ist keine Verbrauchs-App für Autofahrer. Ihr eigentlicher Zweck ist regulatorisch.
Artikel 12 der EU-Verordnung 2019/631 verpflichtet die Kommission dazu, zu beobachten, ob die offiziellen CO₂- und Verbrauchswerte langfristig repräsentativ für den realen Straßenbetrieb bleiben. Eine positive Differenz bedeutet, dass die Fahrzeuge real mehr verbrauchen beziehungsweise mehr CO₂ ausstoßen als es der WLTP-Wert erwarten lässt.
Das ist wichtig, weil WLTP-Werte nicht nur im Prospekt stehen. Sie spielen auch bei der europäischen CO₂-Regulierung der Herstellerflotten eine zentrale Rolle.
Die Datenmenge wächst dabei weiter. Neben den Herstellern sammeln seit 2023 auch Mitgliedstaaten OBFCM-Daten im Rahmen technischer Fahrzeugprüfungen und melden diese an die EU.
Vom Prospektwert zur echten Fahrzeugflotte
Der spannendste Aspekt der OBFCM-Daten ist deshalb vielleicht gar nicht die Erkenntnis, dass WLTP und Realität auseinanderliegen. Das war längst bekannt.
Neu ist die Größenordnung, in der sich diese Differenz untersuchen lässt.
Nicht ein Redakteur fährt ein Auto 500 Kilometer. Nicht 20 Nutzer tragen ihre Werte in eine Datenbank ein. Millionen Fahrzeuge liefern Messwerte aus ihrem tatsächlichen Betrieb.
Das macht aus dem oft zitierten „Realverbrauch“ erstmals eine belastbare statistische Größe für zahlreiche konkrete Modelle und Motorvarianten.
Und manchmal bestätigt die Datenbasis den WLTP-Wert erstaunlich gut. Bei anderen Fahrzeugen öffnet sich eine deutlich größere Lücke.
Genau deshalb lohnt sich der Blick auf das konkrete Auto – statt nur auf den europäischen Durchschnitt.
Fazit: WLTP ist ein Vergleichswert – kein Verbrauchsversprechen
Auffällig sparsam schneiden viele nicht extern aufladbare Hybride (HEV) ab. Bei Plug-in-Hybriden sieht das Bild deutlich kritischer aus: Ihr niedriger WLTP-Kraftstoffverbrauch setzt voraus, dass regelmäßig geladen und ein großer Teil der Strecke elektrisch gefahren wird. Wer den Stecker kaum nutzt, fährt im Alltag schnell einen schweren Benziner mit Batterie spazieren – und der vermeintliche Verbrauchsvorteil schrumpft drastisch.
Unterm Strich ist WLTP deshalb vor allem das, was es sein soll: ein standardisierter Vergleichswert. Wer wissen will, was ein Auto auf der Straße tatsächlich verbraucht, braucht reale Flottendaten.
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