Wenn Bugatti der aristokratische, perfekt gekleidete Athlet im Maßanzug ist, dann ist der SSC Tuatara der amerikanische Underdog im verschwitzten Muskelshirt, der mit roher Gewalt und Entschlossenheit nach der Krone greift.
Gebaut von SSC North America (früher Shelby SuperCars) in Washington State, hat dieses Hypercar nur ein Ziel: Das schnellste Serienauto der Welt zu sein.
Mit einer offiziell gemessenen Geschwindigkeit von 474,8 km/h (295,0 mph) hat es dieses Ziel zwar knapp verpasst, sicherte sich aber souverän den zweiten Platz in der Geschichte der Geschwindigkeit. Doch der Weg dahin war steinig – und voller Kontroversen.

Der Vibe-Check: David gegen Goliath
Der Tuatara ist kein „Grand Tourer“ wie der Chiron. Er ist eine Waffe. Er ist leichter, roher und direkter. Wo Bugatti mit 16 Zylindern und vier Turbos operiert, setzt SSC auf klassisches amerikanisches Hot-Rodding: Einen riesigen V8 mit zwei gigantischen Turboladern.
Das gefällt uns
Rohe V8-Gewalt: Der Sound des hochdrehenden V8-Biturbo ist brachial und ungefiltert. Kein W16-Summen, sondern ein mechanisches Schreien.
Leichtgewicht: Mit nur etwa 1.250 kg Trockengewicht ist der Tuatara fast eine Dreivierteltonne leichter als der Bugatti Chiron. Das spürt man in jeder Kurve.
Exklusivität: Einen Bugatti sieht man vielleicht mal in Monaco. Einen Tuatara sieht man so gut wie nie. Es sollen nur 100 Stück gebaut werden.
Das nervt uns
Die „Skandal-Akte“: Der erste Rekordversuch (angeblich 532 km/h) stellte sich als Messfehler heraus. Das hat dem Ruf geschadet, auch wenn sie später 475 km/h sauber bewiesen haben.
Der Innenraum: Hier merkt man den Unterschied zwischen VW-Konzernmilliarden und einem Kleinserienhersteller. Es ist funktional und sportlich, aber nicht auf dem Luxus-Niveau eines Bugatti oder Pagani.
Alltagstauglichkeit: Während man mit einem Chiron theoretisch zum Brötchenholen fahren kann, ist der Tuatara ein reines Track-Tool oder Sammlerstück.
Der „Skandal“: Warum 475 km/h und nicht 532 km/h?
Man kann nicht über den Tuatara sprechen, ohne den Elefanten im Raum zu erwähnen. Im Oktober 2020 meldete SSC eine sensationelle Geschwindigkeit von 532,9 km/h (331 mph) auf einem Highway in Nevada. Das Internet jubelte – kurz.
Schnell tauchten Zweifel an den GPS-Daten und dem Video auf. Youtuber und Experten analysierten das Material und fanden Unstimmigkeiten. SSC musste schließlich zugeben, dass die Daten fehlerhaft waren. Ein PR-Desaster.
Aber: SSC gab nicht auf. Sie gingen zurück auf die Strecke, diesmal mit unabhängigen Prüfern (Racelogic) und validierter Ausrüstung. Im Mai 2022 erreichte der Tuatara auf der Johnny Bohmer Proving Grounds in Florida saubere, verifizierte 474,8 km/h. Nicht der Weltrekord, aber immer noch unfassbar schnell und der legitime Platz 2.
Die Technik: Amerikanische Power trifft italienisches Design
Das Herzstück ist ein Meisterwerk von Nelson Racing Engines: Ein 5,9-Liter V8 mit zwei Turboladern. Das Besondere ist die „Flat-Plane“-Kurbelwelle, die dem Motor eine untypisch hohe Drehfreude und einen kreischenden Sound verleiht – eher wie ein Ferrari als ein Muscle Car.
Das Design stammt von Jason Castriota, der schon für Maserati und Ferrari zeichnete. Die Form ist extrem windschlüpfig; der cW-Wert liegt bei beeindruckenden 0,279. Die gesamte Karosserie und das Monocoque bestehen aus Kohlefaser, was das extrem niedrige Gewicht ermöglicht.
Technische Daten: SSC Tuatara
| Motor | 5,9-Liter V8 Biturbo (Flat-Plane) |
| Leistung (E85) | 1.305 kW / 1.750 PS |
| Leistung (91 Oktan) | 1.007 kW / 1.350 PS |
| Drehmoment | ca. 1.735 Nm (auf E85) |
| 0-100 km/h | ca. 2,5 Sekunden |
| Höchstgeschwindigkeit | 474,8 km/h (verifiziert) |
| Getriebe | 7-Gang-CIMA-Automatisertes Schaltgetriebe (Robotic Manual) |
| Antrieb | Hinterradantrieb |
| Gewicht (trocken) | ca. 1.247 kg |
| Preis | ab ca. 1,6 Millionen Euro (netto) |
Unser Fazit
Der SSC Tuatara ist ein faszinierendes Kapitel der Automobilgeschichte. Er zeigt, dass auch ein kleiner Hersteller ohne Milliarden-Budget im Konzert der Großen mitspielen kann, wenn er sich fokussiert.
Trotz des anfänglichen PR-Debakels verdient der Wagen Respekt. Er hat bewiesen, dass er echte 475 km/h fahren kann – und das mit Hinterradantrieb! Er ist die rohe, amerikanische Alternative zum perfektionistischen Bugatti. Ein Auto für Puristen, die Geschwindigkeit pur wollen, ohne den ganzen Luxus-Ballast. SSC hat angekündigt, weiter an der 300-mph-Marke zu arbeiten. Die Geschichte des Tuatara ist vielleicht noch nicht zu Ende geschrieben.







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