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Die Tagesausgabe — Dein täglicher Ritt durch die Autowelt
Dienstag, 10. März 2026  ·  Ausgabe № 9

01 — Kopf des Tages

10. März 1902: Der Tag, an dem eine Scheidung zwei Weltmarken gebar
Henry Ford verließ heute vor 124 Jahren seine eigene Firma – und schuf damit Ford UND Cadillac

Wer letzte Woche unsere Ausgabe über den Hochstapler Antoine Laumet und die Geburt der Marke Cadillac gelesen hat, kennt die halbe Geschichte. Heute liefern wir die andere Hälfte. Denn bevor es Cadillac gab, gab es die Henry Ford Company. Und bevor es die Ford Motor Company gab, gab es eine Scheidung. Eine sehr laute, sehr bittere – und unglaublich produktive.

Am 10. März 1902 verließ Henry Ford die nach ihm benannte Henry Ford Company. Er nahm die Rechte an seinem Namen mit, 900 Dollar Abfindung, die Zeichnungen für seinen Rennwagen – und seinen Zorn. Ford wollte ein billiges Auto für jedermann bauen. Seine Investoren – Clarence Black, Lemuel Bowen, Mark Hopkins, William Murphy und Albert White – wollten teure Autos mit hohen Margen. Ford weigerte sich. Sie holten Henry Leland als Berater. Ford ging.

Es war, nach der gescheiterten Detroit Automobile Company (1899–1901), bereits Fords zweites unternehmerisches Desaster. Mit 38 Jahren hatte er zwei Firmen gegründet und beide verlassen, ohne ein einziges kommerzielles Auto verkauft zu haben. In der Autobranche von Detroit galt er als brillanter Bastler mit einem unmöglichen Charakter.

Doch beide Seiten der Scheidung machten aus dem Scheitern etwas Außergewöhnliches. Die Investoren beauftragten Leland, die Fabrik zu liquidieren. Stattdessen überzeugte er sie, seine eigenen Motoren zu nutzen und weiterzuproduzieren. Am 22. August 1902 wurde die Firma umbenannt: Cadillac Automobile Company. Im Januar 1903 präsentierte Cadillac auf der New York Auto Show seinen Runabout – und nahm sofort über 2.000 Bestellungen entgegen.

Ford seinerseits fand in dem Rennradfahrer und Geschäftsmann Tom Cooper einen Geldgeber. Er baute den legendären Rennwagen „999″, benannt nach einer berühmten Lokomotive, und ließ ihn am 25. Oktober 1902 in Grosse Pointe von Barney Oldfield fahren. Oldfield gewann haushoch und stellte einen neuen US-Rekord auf. Der Publicity-Coup verschaffte Ford die Glaubwürdigkeit, die er brauchte. Am 16. Juni 1903 gründete er die Ford Motor Company – mit gerade einmal 28.000 Dollar Barkapital. Einen Monat später, am 15. Juli, wurde das erste Auto verkauft.

Aus einer einzigen gescheiterten Firma entstanden zwei der bedeutendsten Automarken der Welt: Ford, der das Auto demokratisierte, und Cadillac, der es zum Luxusobjekt machte. Die produktivste Scheidung der Industriegeschichte – und sie begann heute vor 124 Jahren.

02 — Modell des Tages

Ford „999″: Die Rennmaschine, die aus einem Gescheiterten einen Gründer machte
18,9 Liter Hubraum, eine einzige Bremse – und der Grundstein der Ford Motor Company

Als Henry Ford im März 1902 seine eigene Firma verließ, hatte er weder Geld noch Ruf. Was er hatte: eine Obsession für Geschwindigkeit und die Überzeugung, dass Rennsiege Autos verkaufen. Mit dem Geld von Rennradstar Tom Cooper bauten Ford und sein Mechaniker C. Harold Wills im Sommer 1902 zwei nahezu identische Rennwagen: den „999″ und den „Arrow“.

Der „999″ war ein Monster. Vier Zylinder, 1.156 Kubikzoll Hubraum – umgerechnet unfassbare 18,9 Liter – bei geschätzten 70 bis 100 PS. Der Motor war so groß, dass Ford ihn vor den Fahrer montierte, mit exponierten Zylindern und ohne Ölwanne: Das Öl spritzte während der Fahrt auf den Fahrer. Es gab kein Getriebe, nur eine primitive Holzkupplung auf ein 105 Kilogramm schweres Schwungrad. Keine Federung, kein Differential, und als einzige Bremse eine einzelne Bremse an der Hinterachse. Der Fahrer steuerte mit einem Hebel statt einem Lenkrad.

Kein vernünftiger Mensch wollte das Ding fahren. Ford selbst traute sich nicht. Also holte er Barney Oldfield, einen Rennradfahrer, der nie zuvor ein Auto gesteuert hatte. Oldfield brauchte eine Woche Übung. Am 25. Oktober 1902 gewann er auf der Pferderennbahn von Grosse Pointe das Fünf-Meilen-Rennen gegen drei Konkurrenten – darunter erneut Alexander Winton, den Ford schon 1901 geschlagen hatte. Oldfields Zeit: 5 Minuten, 28 Sekunden. Neuer US-Rekord für Rundstrecken, knapp 90 km/h Durchschnitt – auf einer Pferderennbahn, in einem Auto ohne nennenswerte Bremsen.

Der Sieg machte Oldfield zum ersten Rennstar Amerikas – und Ford zum Mann, der die schnellsten Autos der Welt baute. Genau die Reputation, die er brauchte, um Investoren für sein eigentliches Projekt zu gewinnen: ein bezahlbares Auto für die Masse. Ohne den „999″ hätte es kein Model T gegeben. Manchmal muss man einen unkontrollierbaren Rennwagen bauen, um ein Familienauto finanzieren zu können.

03 — Fundstück des Tages

„Mr. Watson, come here!“ – Vor 150 Jahren wurde telefoniert. 70 Jahre später: im Auto.
Vom ersten Telefonat am 10. März 1876 zum 36-Kilo-Autotelefon und zu „Hey Mercedes“
Jubiläum – 10. März 1876

Heute vor exakt 150 Jahren sprach Alexander Graham Bell die berühmtesten fünf Wörter der Telekommunikationsgeschichte: „Mr. Watson, come here – I want to see you.“ Sein Assistent Thomas Watson, im Nebenzimmer, hörte jeden Ton über den Prototyp-Telefonapparat. Bell schrieb noch am selben Abend an seinen Vater: „This is a great day with me.“ Es war der 10. März 1876.

70 Jahre später, am 17. Juni 1946, zog ein Autofahrer in St. Louis einen Hörer unter dem Armaturenbrett seines Chrysler hervor und tätigte den ersten Autotelefon-Anruf der Geschichte. Das System kam von Bell Labs und Motorola. Die Ausrüstung wog 36 Kilogramm und füllte den gesamten Kofferraum. Es gab drei Kanäle für eine ganze Großstadt – wer telefonieren wollte, musste warten, bis ein Kanal frei wurde. Die Kosten: 15 Dollar monatlich plus 30 bis 40 Cent pro Ortsgespräch – in heutiger Kaufkraft eine hohe dreistellige Monatsgebühr plus mehrere Dollar pro Anruf.

Bis 1948 hatten 60 US-Städte Autotelefondienst, mit gerade einmal 4.000 Abonnenten landesweit. In New York teilten sich 2.000 Teilnehmer zwölf Kanäle – durchschnittliche Wartezeit für einen Anruf: 30 Minuten. 1983 startete in Chicago das erste Mobilfunknetz. Das Autotelefon kostete 2.500 Dollar, ein tragbares Telefon 4.000.

Heute sitzt in jedem Neuwagen ein Telefon, das mehr Rechenleistung hat als die gesamte Telefonzentrale von 1946. Wir sagen „Hey Mercedes“ oder „Hey BMW“ statt „Mr. Watson, come here“ – und erwarten eine Antwort in Millisekunden. Aber der Grundgedanke ist der gleiche wie vor 150 Jahren: Kommunikation verändert alles. Auch das Auto.

04 — Blitzerwarnung der anderen Art

VW gegen seine eigenen Händler: Der Rosenkrieg um Scout Motors
Über 160.000 Reservierungen, null gelieferte Autos – und ein juristisches Minenfeld in mehreren Bundesstaaten

Heute in der Rubrik „Familiendrama in der Autobranche“: Volkswagen wird von seinen eigenen Händlern verklagt. Am 3. März 2026 reichten die VW-Vertragshändler Sunrise Imports (New York) und Curran Volkswagen (Connecticut) eine Sammelklage beim Bundesgericht in Virginia ein – gegen Scout Motors, Scout Motors Sales LLC, Volkswagen Group of America und Volkswagen AG. Der Vorwurf: Volkswagen plane, Scout-Fahrzeuge direkt an Endkunden zu verkaufen und damit seine eigenen Vertragshändler zu umgehen.

Scout Motors, die wiederbelebte amerikanische Geländewagenmarke unter VW-Dach, hat bereits über 160.000 Reservierungen für den Scout Terra Pickup und den Scout Traveler SUV gesammelt – je 100 Dollar Anzahlung, macht mindestens 16 Millionen Dollar in der Kasse, bevor auch nur ein einziges Fahrzeug vom Band gelaufen ist. Der Produktionsstart im neuen 2-Milliarden-Dollar-Werk in South Carolina ist für 2027 geplant, Kundenauslieferungen der EREV-Modelle sollen jedoch erst 2028 beginnen.

Die Händler argumentieren: Scout ist eine Volkswagen-Tochter, also müssen Scout-Fahrzeuge über das bestehende VW-Händlernetz verkauft werden. Die Anwaltskanzlei Hagens Berman – dieselbe, die nach Dieselgate 1,2 Milliarden Dollar Vergleich für VW-Kunden erstritten hat – führt die Klage. Scout-CEO Scott Keogh kontert: „Wir wollen ein alternatives Vertriebsmodell.“ VW-Händlerratsvorsitzender Fred Emich formuliert das Gefühl seiner Kollegen direkter: „Wir haben jahrelang nach einem Truck gefragt. Jetzt bauen sie genau das, was wir wollten – und lassen uns außen vor. Das ist ein Schlag ins Gesicht.“

Parallel laufen bzw. liefen weitere juristische Auseinandersetzungen unter anderem in Kalifornien, Colorado und Florida. In Colorado hat Scout eine eigene Händlerlizenz erhalten – die allerdings im Oktober 2026 ausläuft, also lange bevor das erste Auto ausgeliefert wird. Der Ausgang wird Präzedenzwirkung haben: Darf ein Konzern mit bestehendem Händlernetz eine neue Marke gründen und sie am eigenen Vertrieb vorbeischleusen? Tesla, Rivian und Lucid durften direkt verkaufen – aber keiner von ihnen hatte vorher Vertragshändler.

05 — Google fragt

„Warum darf Tesla direkt verkaufen, aber Scout nicht?“
Die Antwort liegt in einem Gesetz, das älter ist als die meisten Autos auf der Straße

Kurze Antwort: Weil Tesla nie Vertragshändler hatte. Lange Antwort: In den USA regeln sogenannte „Franchise Laws“ den Autoverkauf – und diese Gesetze stammen aus einer Zeit, als Autohersteller ihre Händler regelmäßig über den Tisch zogen.

Ab den 1920er Jahren bauten Ford, GM und Chrysler Händlernetze auf, in denen lokale Geschäftsleute ihr eigenes Kapital investierten, Grundstücke kauften und Showrooms errichteten. Wenn der Hersteller dann plötzlich einen eigenen Laden nebenan eröffnete oder die Vertragsbedingungen einseitig änderte, standen die Händler vor dem Ruin. Also setzten sie sich politisch zur Wehr. Zwischen den 1950er und 1970er Jahren verabschiedete praktisch jeder US-Bundesstaat Franchise-Schutzgesetze, die Herstellern verbieten, direkt an Endkunden zu verkaufen, wenn sie bereits Vertragshändler haben.

Tesla startete 2012 ohne Händlernetz und musste trotzdem in vielen Bundesstaaten einzeln um das Recht auf Direktverkauf kämpfen – in einigen (wie Texas) erfolglos. Rivian und Lucid folgten demselben Modell: keine Franchise-Historie, daher keine Franchise-Verpflichtung. Scout ist anders. Scout gehört zu 100 Prozent Volkswagen, und VW hat rund 650 Vertragshändler in den USA. Die zentrale Frage, die jetzt die Gerichte klären müssen: Ist Scout eine eigenständige Marke oder eine „Briefkastenfirma“, die dazu dient, den Vertrieb am eigenen Händlernetz vorbeizuschleusen? Scout-CEO Scott Keogh hat diese Frage nicht gerade vereinfacht, als er öffentlich bestätigte: „100 Prozent – Scout Motors ist Teil des Volkswagen-Konzerns.“

06 — Kolumne

🎯
Der Kritiker
Lob der Scheidung

Heute ist der Jahrestag einer der produktivsten Trennungen der Wirtschaftsgeschichte. Henry Ford verlässt seine eigene Firma, und heraus kommen: Ford und Cadillac. Zwei Weltmarken aus einer gescheiterten Ehe. Und weil die Autobranche gerade einen neuen Rosenkrieg erlebt – VW gegen seine eigenen Händler um Scout Motors –, ist es ein guter Moment, etwas Kontraintuitives zu sagen: Trennungen sind gut.

Die Autogeschichte ist voll davon. Lamborghini existiert, weil Ferruccio Lamborghini sich über die Kupplung seines Ferrari ärgerte und Enzo Ferrari ihm sagte, ein Traktorenbauer solle sich nicht über Sportwagen beschweren. Porsche existiert, weil Ferdinand Porsche sich von Daimler-Benz löste. Aston Martin wurde mindestens siebenmal verkauft und ist trotzdem irgendwie noch da. Volvo wurde von Ford gekauft, dann an Geely verkauft, und baut heute bessere Autos als unter beiden Vorbesitzern.

Auch die Scout-Geschichte ist im Grunde eine Scheidungsgeschichte. International Harvester stellte den Scout 1980 ein. Jetzt, 47 Jahre später, belebt VW die Marke wieder – aber die eigenen Händler, die alten Partner, dürfen nicht mitmachen. Wenn das kein Rosenkrieg ist, was dann?

Aber vielleicht ist auch das am Ende gut. Vielleicht braucht Scout die Freiheit, um etwas Neues zu werden. Vielleicht brauchen die VW-Händler den Druck, um sich zu modernisieren. Und vielleicht braucht die ganze Branche den Konflikt zwischen alten Franchise-Gesetzen und neuen Vertriebsmodellen, um endlich herauszufinden, wie man 2026 Autos verkaufen sollte. Am 10. März 1902 hat eine Trennung die Welt verändert. Mal sehen, was diese hier bringt.

07 — Zahl des Tages

Über 160.000 Reservierungen – für ein Auto, das noch nicht existiert
160.000+
Anzahl der Scout-Reservierungen bei 100 Dollar Anzahlung – Kundenauslieferungen frühestens 2028

Scout Motors hat über 160.000 Reservierungen für den Terra Pickup und den Traveler SUV gesammelt. Jede kostet 100 Dollar, erstattet bei Rücktritt. Das sind mindestens 16 Millionen Dollar – für eine Marke, die noch kein einziges Serienfahrzeug gebaut hat, deren Werk in South Carolina noch im Bau ist und deren erste Kundenauslieferungen frühestens 2028 erwartet werden.

Zum Vergleich: Als Henry Ford 1903 die Ford Motor Company gründete, hatte er 28.000 Dollar Startkapital von zwölf Investoren. Angepasst an die Inflation wären das heute rund 960.000 Dollar – ein Bruchteil dessen, was Scout allein durch unverbindliche 100-Dollar-Reservierungen eingesammelt hat. Ford verkaufte sein erstes Auto einen Monat nach Firmengründung. Scout hat bisher Bilder, Prototypen und Versprechen geliefert.

Das ist kein Scout-Phänomen – Tesla sammelte 2016 rund 400.000 Reservierungen für das Model 3, Cybertruck kam auf angeblich zwei Millionen. Die Autoindustrie hat gelernt, Erwartung als Währung einzusetzen. Ob aus den über 160.000 Scout-Reservierungen tatsächlich Verkäufe werden, steht buchstäblich auf einem anderen Blatt. Aber die Zahl zeigt: Der Markt will das, was Scout verspricht – einen robusten amerikanischen Truck, elektrisch oder als Hybrid, zu einem vernünftigen Preis. Die Frage ist nur, ob die Händlerklagen den Vertrieb blockieren, bevor die Produktion überhaupt startet.

08 — Ausblick

Was morgen wichtig wird

11. März 1885 – Morgen vor 141 Jahren: Malcolm Campbell wird geboren. Der Engländer, der mit seinem „Blue Bird“ neunmal den Landgeschwindigkeitsrekord brach – zuletzt 1935 mit 484 km/h auf dem Bonneville-Salzsee. Sein Sohn Donald brach den Rekord später ebenfalls und starb 1967 beim Versuch, den Wassergeschwindigkeitsrekord zu brechen. Der Blue Bird ist das berühmteste Rekordfahrzeug der Geschichte – und der Name wurde zum Synonym für die menschliche Besessenheit, immer schneller zu fahren. Mehr dazu morgen.

11. März 2009 – Toyota gab an diesem Tag bekannt, eine Million Hybridfahrzeuge in den USA verkauft zu haben. Angeführt vom Prius, der 1997 in Japan und 2000 in den USA debütierte. 2026 ist der Hybrid plötzlich wieder das heißeste Thema der Branche – weil sich herausstellt, dass die meisten Kunden weder ein reines Elektroauto noch einen reinen Verbrenner wollen, sondern etwas dazwischen. Toyota hatte recht. Es hat nur 27 Jahre gedauert, bis alle anderen das zugeben wollten.

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