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Die Tagesausgabe — Dein täglicher Ritt durch die Autowelt
Dienstag, 4. August 2026  ·  Ausgabe № 16



01 — Kopf des Tages

Quartalssaison der Schmerzen: China drückt Deutschlands Autobauer in den Sparmodus
VW, Mercedes, BMW und Porsche haben neue Zahlen vorgelegt – der gemeinsame Nenner heißt China, doch nicht jede Gewinnbewegung hat dieselbe Ursache

Wenn man wissen will, wo der deutschen Autoindustrie das Wasser bis zum Hals steht, muss man in diesen Tagen nur die Quartalsberichte übereinanderlegen. Bei Volkswagen sank der Konzerngewinn nach Steuern im zweiten Quartal um 32,9 Prozent auf 1,54 Milliarden Euro. Der operative Gewinn ging allerdings deutlich moderater zurück. Die Auslieferungen sanken weltweit um 8,6 Prozent, die Produktion um 13,4 Prozent. Wichtig für die Einordnung: Der Ergebnisrückgang ist nicht allein China zuzuschreiben. Auch Belastungen rund um den Produktionsstopp des ID.4 in Nordamerika, Restrukturierungskosten und ein ungünstigerer Modellmix drückten auf die Zahlen.

Das Epizentrum der Absatzschwäche steht trotzdem in China. VW lieferte dort im zweiten Quartal 424.300 Fahrzeuge aus – 36,6 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Im gesamten ersten Halbjahr betrug das Minus bei den Kundenauslieferungen 25,9 Prozent. Bei Mercedes brachen die Pkw-Verkäufe in China im zweiten Quartal um 30 Prozent ein. Das bereinigte EBIT der Pkw-Sparte sank um rund 26 Prozent auf 909 Millionen Euro; das ausgewiesene EBIT fiel wegen einer Wertminderung von 704 Millionen Euro auf chinesische Beteiligungen sogar auf nur 49 Millionen Euro.

Dass das Mercedes-Konzern-EBIT dennoch von 1,3 auf 1,5 Milliarden Euro stieg, lag vor allem an besseren Ergebnissen bei Financial Services und Vans, höheren Beiträgen aus der Konzernüberleitung sowie einem positiven Sondereffekt aus dem geplanten Athlon-Verkauf. Das Transporter-Geschäft kam auf 10,2 Prozent bereinigte Umsatzrendite. Anders gesagt: Der Konzern legte zu, während das eigentliche Pkw-Geschäft deutlich unter Druck stand.

Auch BMW passt in das Bild: Die Auslieferungen in China sanken im zweiten Quartal um 30,2 Prozent. Der Vorsteuergewinn des Konzerns fiel um 35,1 Prozent auf knapp 1,70 Milliarden Euro; die operative Marge des Autogeschäfts lag bei 2,3 Prozent. Porsche wiederum meldete für das erste Halbjahr 122.306 Auslieferungen – 16 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Die vier Hersteller erzählen also keine identische Bilanzgeschichte, aber dieselbe Marktgeschichte: China belastet Absatz, Preise und Margen erheblich.

Der Lichtblick liegt in Europa und teilweise in Nordamerika. VW legte bei den Auslieferungen im zweiten Quartal in Westeuropa um 1,8 Prozent und in Nordamerika um 7,7 Prozent zu; der europäische Auftragsbestand für Elektroautos wuchs gegenüber Ende 2025 um mehr als 50 Prozent. Mercedes meldete bei reinen Elektroautos weltweit ein Plus von 51 Prozent. Die Transformation zeigt damit Wirkung – nur ausgerechnet im früheren Gewinnzentrum China bleibt sie besonders schwierig.

Und genau deshalb wird der August in Wolfsburg ungemütlich. Ab dem 25. August sind neun außerordentliche Betriebsversammlungen geplant. Oliver Blume soll nach Angaben des Betriebsrats persönlich in Wolfsburg sowie am 26. August in Emden und Zwickau auftreten; die übrigen Termine werden von weiteren Vorständen bestritten. Die Zahlen, die der Konzern mitbringt, werden die Stimmung kaum heben.

02 — Modell des Tages

Tesla Model Y: Das totgesagte Auto, das Deutschland gerade wieder erobert
Plus 224,6 Prozent Tesla-Neuzulassungen im ersten Halbjahr – das Model Y aus Grünheide trägt den Aufschwung

Vor einem Jahr galt Tesla in Deutschland vielerorts als erledigt: Imageprobleme, Absatzeinbruch, hämische Kommentare. Die KBA-Statistik des ersten Halbjahres 2026 erzählt eine andere Geschichte: Knapp 29.000 Tesla wurden neu zugelassen, 224,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Das Model Y war im Juni sogar das meistzugelassene Elektroauto Deutschlands.

Auch global muss eine Zahl korrigiert werden: Die gut 480.000 Auslieferungen waren nicht das gesamte erste Halbjahr, sondern allein das zweite Quartal. Zusammen mit 358.023 Fahrzeugen im ersten Quartal lieferte Tesla bis Ende Juni insgesamt 838.149 Fahrzeuge aus.

Die Gründe für die deutsche Wende sind unspektakulär und genau deshalb interessant. Das überarbeitete Model Y bietet viel Platz, hohe Effizienz und Zugang zu Teslas dichtem Schnellladenetz. Die neue deutsche E-Auto-Förderung kann den Preis zusätzlich drücken. Förderfähig ist der Wagen aber nicht deshalb, weil er in Grünheide gebaut wird: Entscheidend sind unter anderem Erstzulassung, Fahrzeugart, private Antragstellung, Haushaltseinkommen und die weiteren Programmbedingungen.

Interessant für Gebrauchtkäufer: Ein kräftiger Zulassungsanstieg vergrößert grundsätzlich den späteren Gebrauchtwagenbestand. Ob ab 2027 oder 2028 tatsächlich eine große Welle günstiger Leasingrückläufer auf den Markt kommt, ist jedoch eine plausible Prognose – noch keine gesicherte Tatsache. Wer ein junges Model Y sucht, sollte deshalb Preise und Restwerte beobachten, statt sich auf einen automatischen Preissturz zu verlassen.

03 — Fundstück des Tages

Grünheide plant 3.500 zusätzliche Jobs – während der Rest der Branche Stellen streicht
Tesla fährt die Produktion schrittweise von 5.000 auf bis zu 7.500 Fahrzeuge pro Woche hoch. Die Ausbaupläne stehen im scharfen Kontrast zur VW-Krise
INDUSTRIE — GRÜNHEIDE

Man stelle sich zwei Nachrichtenticker nebeneinander vor. Links: Volkswagen ringt um zusätzliche Einsparungen; nach Angaben des Betriebsrats könnten die diskutierten Szenarien langfristig bis zu 140.000 Stellen betreffen, und vier Werke gelten als gefährdet, falls keine Alternativen gefunden werden. Rechts: Tesla stockt in Grünheide auf. Geplant sind insgesamt 3.500 zusätzliche Arbeitsplätze und Investitionen von umgerechnet rund 220 Millionen Euro.

Der Hochlauf ist konkret gestaffelt: Nach Tesla-Angaben sind die ersten 1.000 Beschäftigten für die Steigerung von 5.000 auf 6.200 Fahrzeuge pro Woche bereits eingestellt. Im September soll die Rekrutierung weiterer 1.000 Mitarbeiter beginnen; ab Oktober ist der Hochlauf auf 7.500 Fahrzeuge pro Woche vorgesehen. Hinzu kommen 1.500 geplante Stellen für den Ausbau der Batteriezellfertigung.

Bei 50 Produktionswochen entsprächen 7.500 Fahrzeuge pro Woche rund 375.000 Autos im Jahr. Vom früher genannten Ausbauziel von einer Million Fahrzeuge ist das weit entfernt, es wäre aber der höchste Produktionsstand in der Geschichte des Werks. Zuletzt arbeiteten knapp 11.000 Menschen in Grünheide.

Was die Zahlen zeigen: Ein großer Produktionsausbau ist 2026 in Deutschland trotz hoher Kosten und komplexer Rahmenbedingungen möglich. Was sie nicht beweisen: dass Grünheide bereits dauerhaft profitabler arbeitet als jedes deutsche Konkurrenzwerk. Dafür fehlen öffentlich belastbare Standortzahlen. Das Fundstück ist also stark genug, ohne aus einem Ausbauplan gleich einen Rentabilitätsbeweis zu machen.

04 — Blitzerwarnung der anderen Art

Sachsen fordert höhere China-Zölle – um chinesische Produktion nach Zwickau zu locken
Wirtschaftsminister Dirk Panter will den Druck auf chinesische Hersteller erhöhen. Sein eigentliches Ziel ist ein europäisch-chinesisches Produktionsbündnis

Es ist ein bemerkenswerter Vorstoß aus Dresden: Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter fordert, auf EU-Ebene höhere Zölle auf in China gebaute Autos zu prüfen. In dem zugespitzten Vorschlag geht es unter anderem um eine mögliche Verdoppelung des regulären Einfuhrzolls. Das Ziel ist nicht nur, Importautos zu verteuern. Panter will chinesische Hersteller stärker dazu bewegen, mit europäischen Autobauern zu kooperieren und Wertschöpfung in Europa aufzubauen – idealerweise im gefährdeten VW-Werk Zwickau.

Die Rechnung hat trotzdem mehrere Haken. Erstens treffen die Zölle nur Fahrzeuge chinesischen Ursprungs. Autos, die BYD, Chery oder andere Hersteller künftig innerhalb der EU bauen, fallen nicht unter die China-Strafzölle. Zweitens gelten auf chinesische Elektroautos nicht einfach einheitlich „die China-Zölle“: Zum regulären Zoll kommen je nach Hersteller unterschiedlich hohe Ausgleichszölle, außerdem sind Sonderlösungen wie Mindestpreisvereinbarungen möglich. Der Cupra Tavascan erhielt 2026 beispielsweise eine solche Ausnahme – pauschale Aussagen über jedes in China gebaute Modell greifen deshalb zu kurz.

Drittens ist nicht garantiert, wer die Mehrkosten am Ende trägt. Ein Teil kann bei Herstellern und Importeuren hängen bleiben, ein Teil über höhere Preise an Käufer weitergereicht werden, und ein Teil kann Absatz kosten. Höhere Zölle sind deshalb ein industriepolitischer Hebel, aber kein kostenloser Schutzschild.

Man kann Panters Motiv verstehen: Zwickau hat als reines E-Auto-Werk die Transformation früh vollzogen und steht nun trotzdem unter Druck. Doch höhere Zölle lösen weder hohe eigene Kosten noch schwache Produkte automatisch. Sie können Zeit kaufen und lokale Partnerschaften attraktiver machen. Mehr nicht.

05 — Google fragt

„Warum verlieren deutsche Autobauer in China?“
Die Frage hinter vielen Quartalsberichten – und eine Antwort, die weh tut

Die kurze Antwort: Weil sich der chinesische Markt in einer Geschwindigkeit elektrifiziert, digitalisiert und preislich zugespitzt hat, mit der viele deutsche Modelle und Strukturen nicht Schritt gehalten haben. Die längere Antwort hat vier Kapitel.

Erstens, das Produkt: Gerade jüngere und urbane Käufer erwarten umfassende Software-Ökosysteme, Sprachsteuerung, Konnektivität und Assistenzfunktionen. Lokale Hersteller liefern diese Ausstattung oft schneller und günstiger. Zweitens, der Preiskampf: Im chinesischen Automarkt läuft seit Jahren eine Rabattschlacht, die Margen unter Druck setzt. Wer vollständig mitzieht, riskiert Ertrag; wer nicht mitzieht, verliert Volumen. Drittens, das Prestige: Deutsche Premiummarken bleiben bedeutend, doch lokale Marken werden zunehmend als technologisch ebenbürtig oder moderner wahrgenommen. Viertens, die Kostenstruktur: Die deutschen Hersteller haben hohe China-Erträge jahrelang in ihre globale Kalkulation eingebaut. Fallen diese Erträge weg, geraten Kapazitäten und Kosten auch in Europa stärker unter Druck.

Vieles spricht deshalb gegen eine bloß vorübergehende Delle. Eine bessere chinesische Konjunktur könnte helfen, aber die lokale Konkurrenz verschwindet nicht wieder. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob deutsche Hersteller automatisch zu früheren Marktanteilen zurückkehren. Sie lautet, mit welchen Produkten, Partnerschaften und Kosten sie in China dauerhaft profitabel bleiben können.

Entscheidend
Die alten Marktanteile kommen nicht automatisch zurück. Entscheidend sind wettbewerbsfähige Produkte, lokale Partnerschaften und eine tragfähige Kostenstruktur.

06 — Kolumne

🎯Der Kritiker
Grünheide ist die unbequemste Fabrik Deutschlands

Es gibt in dieser Nachrichtenlage einen Satz, den in Deutschland niemand gerne ausspricht: Tesla zeigt in Brandenburg gerade, dass industrieller Ausbau hierzulande weiterhin möglich ist. Während in Wolfsburg über Standortbedingungen, Energiepreise und Lohnkosten gestritten wird – alles reale Probleme, keine Frage –, plant ein US-Konzern fünfzig Kilometer von Berlin entfernt 3.500 zusätzliche Arbeitsplätze. Zu denselben Energiepreisen. Unter derselben Bürokratie. Im selben Land.

Der Unterschied liegt nicht nur am Standort, sondern auch im System. Grünheide baut im Kern ein Modell in hoher Stückzahl und ist stark auf dieses Produkt zugeschnitten. Wolfsburg verwaltet zahlreiche Baureihen, Varianten, gewachsene Strukturen und politische Kompromisse. Volkswagen will seine Modellpalette deutlich verkleinern und die Komplexität reduzieren. Das ist der Versuch, den Konzern schneller und kostengünstiger zu machen.

Aber auch die Gegenposition gehört zur Wahrheit: Neue Stellen und steigende Stückzahlen sind kein öffentlich belegter Rentabilitätsnachweis für das Werk. Tesla ist zudem kein Vorbild in allem. Der Umgang mit Arbeitnehmervertretungen, die Personalfluktuation und die Kapriolen des Chefs würden sich viele VW-Beschäftigte kaum wünschen.

Das Urteil: Solange in Brandenburg ausgebaut wird, während in Niedersachsen und Sachsen über Einschnitte gesprochen wird, ist „der Standort Deutschland“ als alleinige Erklärung zu bequem. Die andere Hälfte der Wahrheit steckt in Produkten, Kosten, Entscheidungswegen und den eigenen Organigrammen.

07 — Zahl des Tages

−36,6 %
VW-Kundenauslieferungen in China im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahr – 424.300 Fahrzeuge; im gesamten ersten Halbjahr lag das Minus bei 25,9 Prozent

Um die Dimension zu verstehen, hilft ein Blick zurück: China war für Volkswagen über zwei Jahrzehnte der größte Einzelmarkt der Welt. Nun brachen die Kundenauslieferungen dort in einem einzigen Quartal um 36,6 Prozent ein. Im gesamten ersten Halbjahr wurden 973.000 Fahrzeuge ausgeliefert, 25,9 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Die zuvor genannte Halbjahreszahl von minus 31,6 Prozent vermischte unterschiedliche Kennzahlen: Sie bezog sich nicht auf die hier dargestellten Kundenauslieferungen. Für einen sauberen Vergleich muss dieselbe Definition verwendet werden – und danach lautet das Halbjahresminus 25,9 Prozent.

VW steht damit in China unter massivem Wettbewerbsdruck. Die Zahl erklärt einen großen Teil der Nervosität in Wolfsburg. Sie erklärt aber nicht allein jede Werk- und Personaldebatte: Auch Kosten, Überkapazitäten, Modellmix, Zölle und Investitionen spielen hinein.

08 — Ausblick

Was diese Woche noch wichtig wird
Dienstag · 4. August 2026
KBA-Zahlen für den Juli: In diesen Tagen werden die Neuzulassungen für den Juli erwartet. Nach 84.057 neuen Elektroautos im Juni – einem Plus von 78,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat – lautet die spannende Frage: Hält der starke E-Auto-Zuwachs an, oder normalisiert sich das Tempo? Wir schauen genau hin, sobald die Zahlen veröffentlicht sind.
Bertha-Benz-Jubiläum: Morgen jährt sich ein Datum, das die Autowelt stärker geprägt hat als jede Quartalsbilanz: Am 5. August 1888 unternahm Bertha Benz mit ihren Söhnen die erste längere Fahrt mit einem Automobil – ohne Wissen ihres Mannes Carl. Morgen in der Tagesausgabe.
Countdown Wolfsburg: Die neun außerordentlichen Betriebsversammlungen bei VW beginnen am 25. August. Oliver Blume soll in Wolfsburg sowie tags darauf in Emden und Zwickau persönlich auftreten. Wichtig bleibt: Die öffentlich genannten Stellen- und Werksszenarien stammen bislang vor allem aus der Debatte zwischen Vorstand und Arbeitnehmerseite; endgültige Vereinbarungen liegen nicht vor.
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