Welche deutsche Großstadt hat die meisten Verkehrsunfälle — gemessen an ihrer Größe? Wir haben es ausgerechnet: alle 2,37 Millionen Unfälle mit Personenschaden aus dem Unfallatlas, normiert auf die Einwohnerzahl, für alle 80 Städte ab 100.000 Einwohnern. Das Ergebnis überrascht gleich doppelt. An der Spitze steht keine Millionenstadt, sondern Lübeck — mit 49,4 Unfällen pro 10.000 Einwohner und Jahr. Und am sicheren Ende der Tabelle: ausgerechnet die andere große Hansestadt an der Ostsee. Rostock kommt auf 19,8 — zweieinhalbmal weniger. Zwei Hafenstädte, eine Küste, Welten dazwischen.
So haben wir gerechnet
Grundlage sind die Jahre 2019 bis 2025 aus dem Unfallatlas der Statistischen Ämter — die frühen Jahrgänge lassen wir wegen regional unvollständiger Erfassung bewusst weg. Gezählt werden ausschließlich polizeilich erfasste Unfälle mit Personenschaden, geteilt durch die Einwohnerzahl (Destatis-Gemeindeverzeichnis) und die Zahl der Jahre. Rohzahlen wären sinnlos — da gewönne immer Berlin, weil dort die meisten Menschen fahren. Pro Kopf gerechnet wird das Bild interessant.
Die Top 15: Pendler-Magneten und Fahrradstädte
| Rang | Stadt | Unfälle pro 10.000 Einwohner/Jahr |
|---|---|---|
| 1 | Lübeck | 49,4 |
| 2 | Ingolstadt | 46,2 |
| 3 | Hannover | 45,7 |
| 4 | Köln | 43,4 |
| 5 | Osnabrück | 43,3 |
| 6 | Erlangen | 41,7 |
| 7 | Freiburg im Breisgau | 41,2 |
| 8 | Regensburg | 41,1 |
| 9 | Bremerhaven | 40,9 |
| 10 | Augsburg | 40,6 |
| 11 | Aachen | 39,3 |
| 12 | Münster | 39,3 |
| 13 | Bonn | 38,5 |
| 14 | Gütersloh | 38,4 |
| 15 | Koblenz | 38,4 |
Zwei Muster springen ins Auge. Erstens: Oberzentren mit großem Umland. Lübeck, Ingolstadt, Hannover, Osnabrück, Regensburg, Koblenz — allesamt Städte, in die täglich weit mehr Menschen hineinpendeln, als dort wohnen. Deren Unfälle zählen im Zähler, die Pendler selbst aber nicht im Nenner. Das Ranking misst also auch, wie stark eine Stadt Verkehr aus dem Umland anzieht.
Zweitens, und das ist der wichtigere Punkt: Die Spitzengruppe ist voller Fahrradstädte. Münster, Freiburg, Erlangen, Bonn — Deutschlands Radhochburgen stehen auffällig weit oben. Das liegt in der Natur der Statistik: Wenn zwei Autos sich touchieren, entsteht meist Blechschaden, und der taucht im Unfallatlas gar nicht auf. Wenn ein Radfahrer stürzt, gibt es fast immer Verletzte — und der Unfall zählt. Städte mit hohem Radverkehrsanteil ranken deshalb systematisch höher, ohne gefährlicher zu sein. Wer in Münster Rad fährt, lebt nicht riskanter als anderswo — es fahren schlicht sehr viele Menschen Rad, und deren Unfälle sind fast immer erfassungspflichtig.
Die Bottom 15: Das Ruhrgebiet fährt auffällig unfallarm
| Rang | Stadt | Unfälle pro 10.000 Einwohner/Jahr |
|---|---|---|
| 66 | Gelsenkirchen | 26,7 |
| 67 | Bottrop | 26,6 |
| 68 | Mainz | 26,6 |
| 69 | Wuppertal | 26,3 |
| 70 | Salzgitter | 26,2 |
| 71 | Bochum | 26,2 |
| 72 | Herne | 25,9 |
| 73 | Solingen | 24,6 |
| 74 | Siegen | 24,3 |
| 75 | Erfurt | 24,3 |
| 76 | Braunschweig | 22,6 |
| 77 | Jena | 22,2 |
| 78 | Remscheid | 21,9 |
| 79 | Wolfsburg | 20,7 |
| 80 | Rostock | 19,8 |
Das untere Tabellenende ist geografisch bemerkenswert einseitig: Gelsenkirchen, Bottrop, Bochum, Herne, Wuppertal, Solingen, Remscheid — das Ruhrgebiet und das Bergische Land stellen fast die halbe Bottom-Liste. Die plausibelste Erklärung ist die Umkehrung des Fahrradstadt-Effekts: Der Radverkehrsanteil ist in den Revierstädten traditionell niedrig, gefahren wird im dichten, langsamen Stadtverkehr — und langsame Blechschäden tauchen in dieser Statistik nicht auf. Dazu kommen mit Wolfsburg, Braunschweig und Salzgitter kurioserweise gleich drei Städte aus dem Autoland um VW — breite, autogerechte Straßen produzieren offenbar wenige Personenschäden, was immer man sonst davon halten mag. Und Rostock als sicherste Großstadt? Kompakte Stadt, viel Straßenbahn, moderater Pendlerdruck — die Hansestadt macht offenbar vieles richtig, was ihrer Schwester an der Trave fehlt.
Und die Millionenstädte?
Berlin, Hamburg und München tauchen in keiner der beiden Listen auf — alle drei liegen im Mittelfeld. Die einzige Millionenstadt in der Spitzengruppe ist Köln auf Rang vier, klassischer Fall von beidem: enormer Einpendlerverkehr und wachsender Radverkehr. Die gefühlte Wahrheit „in der Großstadt ist es am gefährlichsten“ hält den Daten jedenfalls nicht stand — pro Kopf kracht es in Lübeck, Ingolstadt und Osnabrück häufiger als in Berlin.
Schau selbst nach: Deine Stadt auf der Unfallkarte
Wo genau es in deiner Stadt kracht, zeigt dir unsere Unfallkarte Deutschland — Postleitzahl eingeben, Umkreis wählen, nach Rad, Fußgängern oder Schwere filtern. Hier der Spitzenreiter des Rankings zum Erkunden:
Die Zahlen beschreiben den geografischen Umkreis – nicht die Einwohner oder die dort zugelassenen Fahrzeuge als Unfallverursacher.
Unfallhäufungen im gewählten Umkreis
Häufungen zeigen Stellen mit vielen erfassten Unfällen. Ohne Bezug zur Verkehrsmenge ist das keine Rangliste der gefährlichsten Orte.
Was dieses Ranking misst — und was nicht
Zur Einordnung, bevor jemand Lübeck zur gefährlichsten Stadt Deutschlands erklärt: Das Ranking zählt Unfälle am Unfallort, nicht am Wohnort der Beteiligten — Städte mit vielen Einpendlern und Durchgangsverkehr schneiden dadurch systematisch schlechter ab. Es zählt nur Unfälle mit Personenschaden, wodurch Städte mit hohem Radverkehrsanteil höher ranken. Und es sagt nichts über die Schwere: Ein hoher Wert kann viele leichte Radstürze bedeuten, ein niedriger Wert schließt schwere Landstraßenunfälle im Umland nicht ein. Die Zahl misst, wie häufig Menschen im Stadtgebiet zu Schaden kommen — nicht, wie riskant das Leben dort ist. Genau deshalb veröffentlichen wir Methodik und Daten offen dazu.
Datenquelle: Unfallatlas, Statistische Ämter des Bundes und der Länder (Datenlizenz Deutschland – Namensnennung 2.0), Jahrgänge 2019–2025; Einwohnerzahlen: Destatis-Gemeindeverzeichnis. Auswertung: automobile-news.de. Alle Angaben: Unfälle mit Personenschaden pro 10.000 Einwohner und Jahr, Städte ab 100.000 Einwohnern.
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