Drei Menschen sterben in einem brennenden Tesla, weil sich die Türen nicht öffnen lassen. Ein Ersthelfer steht hilflos daneben. Das ist kein Einzelfall – und die Hersteller wissen es.
Es ist der 7. September 2025, ein Sonntagnachmittag in Schwerte-Villigst. Ein Tesla Model S Plaid kommt beim Überholen von der Fahrbahn ab und prallt gegen einen Baum. Das Fahrzeug fängt sofort Feuer. Ein Anwohner läuft hin, greift nach dem Türgriff – und greift ins Leere. Die Tür lässt sich nicht öffnen. Drei Menschen verbrennen im Wrack: ein 43-jähriger Fahrer, zwei neunjährige Kinder. Ein viertes Kind überlebt nur, weil die Wucht des Aufpralls eine Tür aufgerissen hat. @wdr

Ein Gutachten, das Monate später fertiggestellt wird, stellt fest: Die automatische Türöffnung des Tesla hat nach dem Aufprall versagt. Die elektrischen Türgriffe waren nicht ausgefahren. Die Staatsanwaltschaft schaltet das Kraftfahrtbundesamt ein. Das KBA erklärt sich für nicht zuständig – die EU-Typgenehmigung für Tesla-Türverschlüsse stamme aus den Niederlanden.
Niemand ist zuständig. Drei Menschen sind tot.
Design vor Sicherheit: Wie die Industrie in diese Falle tappte
Versenkbare Türgriffe sind kein neues Konzept. Aston Martin und Lamborghini setzten sie jahrzehntelang ein – als Exzentrik für Supersportwagen, nicht als Massenprodukt. Tesla hat dieses Detail demokratisiert und zum Standard für ein ganzes Segment gemacht. Die Botschaft dahinter war klar: Das hier ist Technologie, nicht Blech. Das hier ist Zukunft.
Funktional lässt sich das Prinzip schnell erklären. Nähert sich der Fahrer dem Fahrzeug, fährt ein kleiner elektrischer Motor den Griff aus der Karosserie. Er versenkt sich wieder, sobald das Auto losfährt. Der Luftwiderstandsbeiwert sinkt minimal. Die Optik ist glatt und futuristisch. Und Elon Musk hat offen zugegeben, dass Ästhetik dabei eine zentrale Rolle spielt: Die Griffe sehen schlicht besser aus.
Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer (UDV) beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, sagt es direkter: „Primär werden Griffe aus ästhetischen Gründen versenkbar angeboten, weil das gut aussieht.“ Bei Elektroautos komme die Reichweite als Argument hinzu. „Gute Aerodynamik meint am Ende auch gerade bei Elektrofahrzeugen mehr Reichweite.“ Doch der tatsächliche Reichweitengewinn durch versenkbare Türgriffe gilt unter Experten als marginal.
Das Ergebnis: Ein Designtrend, der weltweit millionenfach verbaut wurde, basiert im Kern auf Optik – und schleppt ein fundamentales Sicherheitsproblem mit sich.
Das technische Problem: Strom weg, Tür zu
Elektrische Türgriffe beziehen ihren Strom aus dem 12-Volt-Bordnetz – demselben Netz, das Fensterheber, Innenbeleuchtung und Infotainmentsystem versorgt. Wird dieses Netz bei einem Unfall durch einen Kurzschluss, eine durchtrennte Leitung oder einen Batterieausfall unterbrochen, sind die Griffe tot. Sie bleiben versenkt. Von außen ist die Tür dann nicht mehr zu öffnen.
„Bei Crashtests ist die 12-Volt-Stromversorgung in der Regel noch vorhanden“, sagt Jörg Heck, Brandamtmann und Fahrzeugtechnik-Ingenieur beim Deutschen Feuerwehrverband (DFV). „In der Realität kommt es insbesondere bei schweren Unfällen aber häufiger vor, dass das nicht der Fall ist.“
Das ist das Kernproblem: Die Crashtests, auf denen die Typgenehmigung basiert, bilden die reale Unfallsituation nicht ausreichend ab. Ein kontrollierter Aufprall im Labor ist nicht dasselbe wie ein Tesla, der mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum prallt und sofort brennt.
Hinzu kommen Alltagsprobleme, die weniger dramatisch, aber ebenso real sind: Im Winter können die Mechanismen vereisen. Schmutz und Witterung setzen den Getrieben zu. Und wer noch nie in einem Fahrzeug mit versenkbaren Griffen gesessen hat, findet im Ernstfall möglicherweise nicht einmal den Notöffner innen – sofern es überhaupt einen gibt.
„Wir halten alle Griffe, die sich rein elektrisch öffnen lassen, für gefährlich“, sagt UDV-Leiterin Zeidler unmissverständlich. „Alles, was die Selbstrettung oder die Rettung durch Helfer verzögert, ist fatal.“
Eine Häufung von Fällen, die kein Zufall ist
Schwerte war kein Einzelfall. Es war nicht einmal der erste Fall, der internationale Aufmerksamkeit erregt hat.
Im März 2025 verbrannten in China drei Studentinnen in einem Xiaomi SU7, der mit 97 km/h in eine Betonleitplanke gekracht war. Im Oktober 2025 loderte in Chengdu ein weiteres Elektroauto in der Nacht lichterloh – Überwachungskameras zeichneten auf, wie Feuerwehrleute zwar die Scheibe einschlugen, die Tür aber dennoch nicht aufbekamen. Der Fahrer verbrannte.
Weitere relevante Fallbeispiele fataler Unfallbrände in jüngerer Vergangenheit:
- Toronto, Kanada (Oktober 2024): Ein Tesla geriet nach einer Kollision mit einer Leitplanke bei hoher Geschwindigkeit sofort in Brand. Vier der fünf Insassen (alle in ihren 20ern) starben in den Flammen, da die Türen elektronisch blockierten und Ersthelfer die Türen von außen nicht öffnen konnten. Eine einzige Passagierin konnte durch das Einschlagen einer Scheibe schwer verletzt gerettet werden.
- Davie, Florida (Februar 2019): Ein Tesla Model S prallte gegen einen Baum und fing Feuer. Der Fahrer überlebte den Aufprall, verbrannte jedoch im Innenraum, da die automatischen Türgriffe mechanisch eingefahren blieben und die Türen von außen nicht geöffnet werden konnten.
- Wisconsin, USA (2024): Ein schwerer Crash führte zum sofortigen Brand. Zeugen berichteten von verzweifelten Schreien aus dem Fahrzeuginneren („Ich stecke fest“). Alle fünf Insassen starben; bei mindestens zwei der Opfer konnte die mechanische Blockade der Türen als primäre Todesursache im Brand verifiziert werden.
- Easton, Massachusetts (Oktober 2025): Ein 20-jähriger Fahrer kollidierte mit einem Baum. Er setzte nach dem Crash noch einen Notruf ab und gab an, im brennenden Fahrzeug gefangen zu sein. Seine sterblichen Überreste wurden später auf der Rückbank aufgefunden, was auf einen verzweifelten, aber erfolglosen Versuch hindeutet, die hintere mechanische Notentriegelung zu erreichen
Im April 2025 waren in China 60 Prozent der 100 meistverkauften Elektro- und Hybridfahrzeuge mit versenkbaren Griffen ausgestattet. Sechzig Prozent. Das ist kein Nischenprodukt – das ist Mainstream.
Der ADAC hat die Konsequenzen für Ersthelfer und Rettungskräfte beschrieben: Selbst Profis brauchen länger, um in ein Fahrzeug mit defekten elektrischen Türgriffen zu gelangen. In einer brennenden Kabine, in der die Temperatur innerhalb von Sekunden auf mehrere hundert Grad steigt, ist diese Zeitverzögerung tödlich.
Feuerwehr an der Front: Was Retter erleben
Feuerwehr-Einsatzleiter Bösch war in Schwerte vor Ort. Als seine Mannschaft eintraf, stand der Tesla bereits in Flammen. „Wir mussten uns zunächst aufs Löschen konzentrieren“, sagte er dem Spiegel. Erst danach fanden die Retter die leblosen Insassen.
Jörg Heck vom Deutschen Feuerwehrverband ist unmissverständlich: „Menschen im Auto müssen die Chance haben, zu fliehen. Ersthelfer und Rettungskräfte müssen die Chance haben, zuzugreifen.“ Seine Forderung klingt simpel, hat aber weitreichende Konsequenzen für die gesamte Branche: „Es muss was Mechanisches geben. Im Notfall muss man eine Tür von innen und außen intuitiv öffnen können.“
Das Wort intuitiv ist entscheidend. Ein panischer Ersthelfer, der noch nie einen Tesla von innen gesehen hat, wird den versteckten Notöffner-Knopf unter dem Fenster nicht finden. Ein Rettungssanitäter mit Schutzhandschuhen an einer glatten Karosseriewand schon gar nicht. Klassische Bügelgriffe sind im Gegensatz dazu sofort sichtbar, sofort greifbar, sofort verständlich – ohne Strom, ohne Software, ohne Handbuch.
China handelt – Europa zuckt mit den Schultern
Die Reaktionen auf die Unfallserie könnten unterschiedlicher nicht sein.
China hat im Frühjahr 2026 gehandelt. Das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie schreibt vor: Ab dem 1. Januar 2027 müssen alle Autotüren – ausgenommen Heckklappen – von Fahrzeugen mit neuer Typgenehmigung sowohl innen als auch außen über eine mechanische Entriegelung verfügen. Fahrzeuge, die kurz vor der Markteinführung stehen, müssen bis 2029 nachgerüstet werden. Das Verbot gilt nicht für Kofferraumklappen.
Der Auslöser war das Video aus Chengdu. Es verbreitete sich in den sozialen Netzwerken und löste landesweite Empörung aus. In China, wo 60 Prozent der meistverkauften Elektroautos versenkbare Griffe haben, saß der Aufschrei tief. Mercedes kündigte bereits an, in China ab 2027 wieder ausschließlich klassische Türgriffe anzubieten – ob das auch für Europa gilt, ließ der Konzern offen.
In Deutschland und der EU? Bislang kein Handlungsbedarf. Das Kraftfahrtbundesamt hat sich nach dem Gutachten zum Schwerte-Unfall für nicht zuständig erklärt. Die EU-Typgenehmigung für Tesla liegt in den Niederlanden. Rückrufe könnten nur von dort ausgehen. Die deutschen Behörden schauen zu.
Der ADAC fordert inzwischen klassische Türgriffe zurück und bezeichnet den Trend zu elektrischen Versenkgreifen als gefährlich. Die Unfallforscherin Zeidler teilt diese Einschätzung. Doch Forderungen sind keine Vorschriften.
Das Schweigen der Hersteller
Tesla, Mercedes, BMW, Porsche – sie alle verbauen versenkbare oder bündige Türgriffe in bestimmten Modellen. Reagiert hat bislang kaum jemand öffentlich auf die Unfälle. Tesla hat nach dem Schwerte-Unfall keine Stellungnahme herausgegeben, die über boilerplate Kondolenzfloskeln hinausgeht.
Dabei wäre die technische Lösung nicht einmal aufwändig. Klassische mechanische Türgriffe und ihre Zulieferketten sind etabliert, die Umrüstungskosten gelten als überschaubar. Einige Hersteller bauen bereits heute mechanische Notentriegelungen innen ein – aber das hilft Ersthelfern wenig, die von außen an das Fahrzeug wollen.
Der eigentliche Öffner im Innenraum vieler Modelle ist übrigens keine mechanische Klinke, sondern ein Knopf oder eine Taste. Ohne Strom funktioniert auch der nicht.
Fazit: Ein lösbares Problem, das niemand löst
Versenkbare Türgriffe sind kein unausweichliches Merkmal der Elektromobilität. Sie sind eine Designentscheidung, die bewusst getroffen wurde – und die bewusst revidiert werden kann. Der Aerodynamikvorteil ist marginal. Der Sicherheitsnachteil ist tödlich belegt.
China hat verstanden, was Europa noch nicht versteht: Wenn ein Design-Detail nachweislich Menschen das Leben kostet, ist es keine Designfrage mehr, sondern eine Sicherheitsfrage. Und Sicherheitsfragen gehören reguliert.
Der ADAC sagt es klar: Ein feststehender Bügelgriff mit mechanischer Entriegelung bleibt die sicherste Lösung für Ersthelfer. Das ist keine nostalgische Rückwärtsgewandtheit – das ist schlicht Vernunft.
Drei Menschen in Schwerte haben dafür mit dem Leben bezahlt, dass ein Autohersteller seinen Türgriff schick fand. Das sollte der letzte Fall dieser Art gewesen sein. Ob er es war, entscheiden die Behörden in Brüssel, Den Haag und Berlin. Bisher sieht es nicht danach aus.
Quellen: Deutscher Feuerwehrverband, ADAC, UDV/GDV, Staatsanwaltschaft Dortmund, auto motor und sport, 20 Minuten, t-online, China Daily
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