In der Werbung sieht E-Mobilität so aus: Ein lächelnder Hipster steckt bei strahlendem Sonnenschein einen sauberen Stecker in sein Auto, trinkt einen Latte Macchiato und fährt entspannt weiter. Die Realität sieht eher so aus: Es ist 23 Uhr, es schüttet, du stehst im Matsch an einer Autobahnraststätte, und das Display der Säule zeigt dir den Mittelfinger.
Ich liebe E-Autos. Wirklich. Das Drehmoment, die Ruhe, das One-Pedal-Driving. Es ist die bessere Art der Fortbewegung. Aber dann kommt der Moment, wo die Restreichweite zweistellig wird und du nicht zu Hause bist. Der Moment, wo du dich in den Dschungel der öffentlichen Ladeinfrastruktur wagen musst.
Willkommen im Wilden Westen. Willkommen im Ladesäulen-Krieg. Hier sind die täglichen Schlachten, die wir E-Pioniere schlagen müssen.
Schlachtfeld 1: Die Phantom-Säule
Dein Navi sagt fröhlich: „In 5 Kilometern befindet sich eine 150 kW Schnellladestation. Verfügbar: 2 von 2.“ Du fährst von der Autobahn ab. Du kurvst durch ein dunkles Industriegebiet. Du findest… nichts. Oder eine Baustelle. Oder eine Säule, die noch in Plastikfolie eingewickelt ist, weil der Netzbetreiber seit drei Monaten auf einen Anschluss wartet. Das Navi hat gelogen. Deine Reichweitenangst steigt.
Schlachtfeld 2: Der Verbrenner-Blockierer (Das „ICEhole“)
Du findest eine Säule. Halleluja! Aber davor steht ein fetter Diesel-SUV. Der Fahrer ist nirgends zu sehen. Wahrscheinlich holt er sich gerade ein Schnitzel. Das ist das automobile Äquivalent dazu, wenn jemand seinen Einkaufswagen direkt vor der einzigen offenen Supermarktkasse parkt und nochmal Milch holen geht. Du hast zwei Optionen: Hupen bis die Batterie leer ist, oder versuchen, das Ladekabel quer über seine Motorhaube zu ziehen (nicht empfohlen, aber verlockend).
Schlachtfeld 3: Der App-Dschungel und die Preis-Lotterie
Du hast eine freie Säule gefunden. Jetzt willst du bezahlen. Früher hast du an der Tanke deine Kreditkarte reingesteckt. Fertig. Heute brauchst du ein Smartphone mit 27 verschiedenen Lade-Apps.
- „Oh, diese Säule gehört den Stadtwerken Hintertupfingen. Dafür brauchen Sie die ‚Tupf-Charge-App‘.“
- Du lädst die App runter. Du registrierst dich. Du hinterlegst deine Kreditkarte (mit 3D-Secure-Bestätigung, während du im Regen stehst).
- Dann der Preis-Schock: Die Kilowattstunde kostet hier 79 Cent. Gestern waren es woanders noch 39 Cent. Es ist eine Lotterie. Du weißt nie, was du zahlst, bis die Rechnung kommt.
Warum kann ich nicht einfach per Apple Pay oder EC-Karte zahlen? Warum muss das komplizierter sein als ein Raketenstart bei der NASA?
Schlachtfeld 4: Kabel-Yoga im Matsch
Es ist ein Naturgesetz: Wenn du laden musst, regnet es. Oder es schneit. Die Ladekabel an Schnellladern sind dick, schwer und unflexibel wie ein gefrorener Gartenschlauch. Und sie sind immer dreckig, weil sie vorher im Dreck lagen. Du kämpfst mit dem Kabel, versuchst es in die Buchse zu wuchten, ohne deinen Anzug/deine saubere Hose komplett einzusauen. Du scheiterst. Währenddessen stehst du in einer Pfütze, weil Ladesäulen grundsätzlich an den unattraktivsten Ecken des Parkplatzes gebaut werden, weit weg von jedem Dach oder einer Toilette.
Unser Fazit
Das Auto ist bereit, Deutschland noch nicht
Versteh mich nicht falsch: Wenn es funktioniert (Plug & Charge bei Tesla oder EnBW, Dach drüber, fairer Preis), ist es genial. Besser als Tanken. Aber in 50% der Fälle ist es ein Abenteuer, auf das man nachts um halb zwölf gerne verzichten würde.
Liebe Politiker, liebe Ladesäulen-Betreiber: Wir brauchen keine neuen Förderungen für Autos. Wir brauchen Dächer über den Säulen, EC-Kartenterminals und eine Pflicht, dass kaputte Säulen innerhalb von 24 Stunden repariert werden.
Bis dahin: Pack Gummistiefel ein. Und installier noch drei weitere Lade-Apps. Sicher ist sicher.
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