Stell dir vor, du steigst morgens in deinen frisch finanzierten Oberklasse-Schlitten. Der Innenraum riecht nach feinstem Leder, die Ambientebeleuchtung schimmert in edlem Violett, und das Curved Display erwacht zum Leben. Doch statt der gewohnten digitalen Tachonadel begrüßt dich nicht die bayrische Ingenieurskunst, sondern die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft: „Spider-Man: Brand New Day – ab August im Kino!“
Kein Witz, sondern Realität in über 70 Ländern. BMW nennt diese Nummer allen Ernstes eine „besondere Überraschung“ für die Kundschaft. Schön gewähltes PR-Sprech dafür, dass ein Premiumhersteller die Anzeigeflächen seiner verkauften Fahrzeuge an Hollywood vermietet. Bisher gab es auf den Screens zum Jahreswechsel ein bisschen virtuelles Lametta oder einen hölzernen Halloween-Kürbis. Geschenkt, das war zwar nett gemeint, aber harmlos. Jetzt aber wandert der Werbebanner für externe Partner direkt auf das zentrale Infotainment-Display – inklusive eigener Lichtshow im Innenraum.
Die rote Linie ist längst nicht mehr nur auf dem Drehzahlmesser
Wer jetzt abwinkt und meint: „Mein Gott, dann tippt man den Banner halt einmal kurz weg, tut doch keinem weh!“, greift gewaltig zu kurz. Es geht hier nicht um Spider-Man. Es geht um einen handfesten Dammbruch und einen brandgefährlichen Präzedenzfall.
Wenn die Automobilindustrie erst einmal Blut geleckt hat und merkt, dass der Kunde ein Aufpoppen von Inhalten stoisch hinnimmt, öffnet sich die Büchse der Pandora sperrangelweit. Was kommt als Nächstes?
- Der Hinweis auf den Big Mac, wenn das Navi erkennt, dass wir seit drei Stunden stauplagend auf der A3 zuckeln?
- Die Einblendung der lokalen Ergo-Direkt-Filiale, sobald der Regensensor den ersten Tropfen meldet?
- Oder gar die gefühlvolle Stimme aus den Lautsprechern: „Diese Vollbremsung wurde Ihnen präsentiert von Carglass“?
Das Auto als letzter werbefreier Rückzugsraum – passé
Es ist noch gar nicht so lange her, da beteuerten namhafte Automotive-Manager in Interviews gebetsmühlenartig, das Fahrzeug sei der „letzte private Rückzugsraum“ des modernen Menschen. Ein Ort ohne die Dauerbeschallung durch Banner, Cookie-Pop-ups und 5-Sekunden-Skip-Buttons. Kaum lässt sich mit Software-Features auf Rädern aber zusätzlicher Umsatz generieren, scheint diese heilige Rüstung zu bröckeln wie der Lack eines 20 Jahre alten Altfahrzeugs.
Es stellt sich eine fundamentale Frage: Gehört mir das Auto nach dem Kauf eigentlich noch selbst – oder habe ich mir für ein Vermögen lediglich eine rollende Reklametafel auf vier Rädern auf die Einfahrt gestellt, auf die der Hersteller nach Belieben Zugriff hat?
Wenn wir diesen Marketing-Versuchsballons nicht unverzüglich die rote Karte zeigen, schlagen wir morgen die Fahrertür auf und schütteln uns vor akustischer Dauerfolter. Stell dir vor, du drückst den Startknopf für die nächste Autobahnfahrt, und die Lautsprecher brüllen dich in feinstem schwäbischen Dialekt an:
„Seitenbacher Bergsteiger-Müsli. Bergsteiger-Müsli von Seitenbacher! Woisch, Karle, des Müsli von Seitenbacher!“
Und als wäre der Müsli-Kulturschock noch nicht genug, wartet an der Roten Ampel der absolute Endgegner der deutschen TV-Werbegeschichte auf dich. Das Display sperrt kurz den Drehzahlmesser, das Lenkrad fängt an zu vibrieren und eine vertraute, messerscharfe Reibeisenstimme hallt durch das Head-up-Display:
„Hallo, ich bin Ralf Schumacher. Und das ist meine Plattform…!“
Wer beim Anlassen seines Autos Werbeclips wegzappen muss oder von Promi-Testimonials im Stau belagert wird, hat definitiv nicht mehr „Freude am Fahren“ – sondern einfach nur die Kontrolle über seine Kaufentscheidung verloren.
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